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Attentäter von Bangladesch : Der Hip-Faktor des Tötens

Jung, gebildet, radikal: einer der Attentäter von Bangladesch. Bild: Reuters

Die meisten Attentäter von Bangladesch waren wohlhabend und hochgebildet. Wie und wo konnten sie sich dennoch radikalisieren? Ein Fallbericht.

          3 Min.

          Auf den Fotos, die mutmaßlich die Attentäter von Bangladesch zeigen, sind fünf breit lächelnde junge Männer zu sehen. Es sind Bilder wie aus einem Studienjahrbuch, mit dem Unterschied, dass die Männer vor einer schwarzen Flagge der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS) stehen und Waffen in den Händen halten. Wie schon bei den Anschlägen vom 11. September 2001 und vielen, die darauf folgten, stammten auch die meisten der Täter von Bangladesch aus wohlhabenden Familien und waren hochgebildet.

          Till Fähnders
          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Die 18 bis 25 Jahre alten Terroristen, die in einem Restaurant und Café in der Hauptstadt Dhaka 20 Geiseln brutal ermordet haben, sollen auf einige der besten Schulen und Universitäten des Landes gegangen sein. Einer war laut lokalen Presseberichten der Sohn eines Politikers aus der regierenden Awami-Liga. Ein anderer hatte eine Privatschule besucht und an dem Ableger einer australischen Universität in Malaysia studiert. Ein dritter hatte eine Zeit als Lehrer gearbeitet. Nur einer oder zwei der Angreifer stammten demnach aus bescheideneren Verhältnissen.

          Mindestens einer dieser beiden soll auch eine Koranschule besucht haben. Bisher galten die Madrassas, unterstützt von arabischen Financiers, als Brutstätten für den Extremismus in Bangladesch – und nicht die Eliteschulen. Vor allem ärmere Familien schicken ihre Kinder dorthin, auch weil dort Bildung, Unterkunft und Versorgung umsonst sind. Die Radikalisierung junger Muslime schien in dieser Hinsicht in Bangladesch anders zu verlaufen als in Europa, wo eher junge Leute aus der Mittelschicht in den „Dschihad“ nach Syrien oder den Irak gezogen sind.

          „Es ist eine Mode geworden“

          Die Berichte über die Identität der Täter von Dhaka scheinen nun Sorgen zu bestätigen, wonach sich auch dort zunehmend gut situierte, moderne und hoch gebildete junge Männer den Islamisten anschließen. Die Täter waren sozial gut vernetzt, sportlich und hatten Profile bei Facebook. Auf die Frage, warum aus ihnen Dschihadisten geworden seien, sagte Innenminister Asaduzzaman Khan: „Es ist eine Mode geworden.“ Einige überlebende Geiseln hatten ihre Verwunderung darüber geäußert, dass solche „normalen“ jungen Männer zu derartig blutigen Taten fähig waren.

          Vieles deutet darauf hin, dass sie unter anderem der Propaganda des IS aufgesessen sind. Einige von ihnen sollen etwa auf Twitter entsprechenden Seiten gefolgt sein. Die Fotos der lachenden Attentäter hatte die dem IS nahe stehende Agentur Amaq zuerst veröffentlicht. Zudem hatte sich die Terrororganisation schon kurz nach der Geiselnahme des Attentats selbst bezichtigt. Der „IS“ hatte zwar nur die arabischen Kampfnamen der Männer veröffentlicht. Doch sie waren schnell über die sozialen Netzwerke von Bekannten und Familienmitgliedern identifiziert worden.

          Geiselnahme in Bangladesch : Angehörige trauern um Opfer des Anschlags von Dhaka

          Monate vor der Tat wie vom Erdboden verschluckt

          Die Polizei hatte zudem Bilder ihrer Leichen herausgegeben, die sich offenbar in wenigstens vier der fünf Fälle mit den IS-Bildern deckten. Insgesamt waren zwar sechs mutmaßliche Täter getötet worden. Doch ist derzeit noch unklar, ob einer von ihnen wirklich zu den Geiselnehmern gehörte. Die Polizei teilte mit, sie habe möglicherweise versehentlich eine der Geiseln erschossen. Ein mutmaßlicher siebter Attentäter hatte überlebt und war von der Polizei festgenommen worden.

          Gemeinsam war offenbar allen fünf identifizierten Tätern, dass sie in den Monaten vor dem Anschlag plötzlich verschwunden waren. Die Polizei hatte deshalb bereits in einigen Fällen vermutet, dass sie sich radikalen Islamistengruppen angeschlossen hätten. Eine Verbindung zum „Islamischen Staat“ dementierten die Behörden jedoch. Die Regierung in Bangladesch bestreitet, dass internationale Terrorgruppen im Land Anschläge planen und durchführen. Sie macht die einheimische Gruppe Jamaat-ul-Mujahedin verantwortlich. Es ist aber unwahrscheinlich, dass sie ein Attentat dieser Größenordnung ohne Hilfe von außen hätte durchführen können.

          Die Geiselnehmer hatten am Abend ein Restaurant mit Café im beliebten Diplomatenviertel Gulshan gestürmt. Sie trennten ihre Geiseln in Bangladescher und Ausländer. Die meisten Ausländer wurden schon binnen der ersten Stunden mit Messern und Macheten brutal gefoltert und hingerichtet. Auch zwei Bangladescher waren unter den Opfern. Die Welt der reichen Einheimischen und weltgewandten Ausländer war den Tätern nicht fremd. Einige sollen sogar früher zu den Besuchern des Restaurants gehört haben.

          Universität, Privatschule, Unternehmersohn

          Als Wortführer der Attentäter wurde der 22 Jahre alte Nibras Islam identifiziert. Er wurde auf dem Foto von Mitstudenten der elitären North South University in Dhaka erkannt. Zuvor hatte Nibras Islam den malaysischen Ableger der australischen Monash University besucht. Vor seinem Verschwinden soll der junge Mann sich für Fußball begeistert haben und in den sozialen Netzwerken Fan-Artikel über eine indische Schauspielerin veröffentlicht haben.

          Zwei Attentäter, Mir Samih Mubashir und Rohan Imtiaz, waren ehemalige Schüler einer englischsprachigen Privatschule in Dhaka. Der Vater eines der beiden Männer mutmaßte in der lokalen Presse, dass seinem 18 Jahre alten Sohn das Gehirn gewaschen worden sei. „Ich habe im Herzen gespürt, dass er im Bann von jemand anderem stand“, sagte der Vater, der bei einem französischen Unternehmen arbeiten soll.

          Der Vater des dritten früheren Elitestudenten, der ein früherer Politiker der Regierungspartei ist, sagte, sein Sohn sei zwar fromm gewesen. Er habe ihm so eine Tat aber nicht zugetraut. Der Vater hatte monatelang nach seinem Sohn gesucht. „Während ich ihn suchte, merkte ich, das viele andere Jungen verschwunden waren – gut ausgebildete Jungen aus gutem Hause, Kinder von Fachpersonal und Regierungsbeamten“, sagte der Vater. Nun geht die Angst um, dass noch weitere junge Männer aus diesem Milieu auf ihren Terroreinsatz warten könnten.

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