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Attentäter im Irak : Lebensziel: Märtyrer - Erfahrung: keine

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Kämpfer im Irak: Die meisten kommen über Syrien ins Land Bild: picture-alliance/ dpa

Den Amerikanern ist vor einigen Monaten im Irak eine Datei in die Hände gefallen: 606 Ausländer bewarben sich als Kämpfer gegen die Besatzer. Jetzt wurden die Profile veröffentlicht - der abstrakte „Selbstmordattentäter“ hat nun ein Gesicht.

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          Es geschah am 11. September 2007 in den frühen Morgenstunden, lange bevor die Sonne aufging. Die amerikanischen Soldaten hatten einen Hinweis bekommen, dass es mit dem kleinen Zeltlager nahe der Ortschaft Sindschar im Nordwesten des Iraks eine besondere Bewandtnis habe. Die Marineinfanteristen und Spezialeinheiten umzingelten das gute Dutzend Zelte, die etwa zehn Kilometer von der syrischen Grenze entfernt in der Geröllsteppe der Provinz Ninive westlich von Mossul aufgeschlagen worden waren.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Nach den ersten Schüssen eines Wachpostens auf die Angreifer kam es zu einem heftigen Schusswechsel, bei dem sechs Kämpfer vor den Zelten tödlich getroffen wurden; zwei weitere kamen in einem der Zelte um, als eine Sprengweste detonierte, wie sie Selbstmordattentäter zu benutzen pflegen. Zu den Toten gehörte, wie sich später herausstellte, ein wichtiger Befehlshaber der Terrorgruppe „Al Qaida in Mesopotamien“ mit dem Decknamen Muthanna.

          Dokumente über gut 700 Kämpfer und Attentäter

          Beim Durchsuchen der Zelte fielen den amerikanischen Truppen allerlei Waffen, Sprengstoff und Selbstmordwesten in die Hände, vor allem aber neben 18.000 Dollar Bargeld ein elektronisches Archiv im Umfang von fünf Terabyte. Wie sich bald herausstellte, waren auf den Festplatten unter anderem Dokumente über gut 700 Kämpfer und potentielle Selbstmordattentäter gespeichert, die fast ausnahmslos über die nahe syrische Grenze in den Irak eingesickert waren. Im Durchgangslager bei Sindschar waren die Personalien der Männer erfasst worden, man befragte sie nach dem mitgeführten Hab und Gut sowie nach ihren Fertigkeiten und Wünschen.

          Nachdem die Namensdaten abgeglichen, Doppelnennungen und unvollständige Datensätze aussortiert waren, blieb eine Liste von 606 Männern übrig, die aus mehr als einem Dutzend Länder in den Irak gekommen waren, um dort bis zum Letzten gegen die Ungläubigen zu kämpfen. Die Datei wurde nach einer ersten Auswertung an Ort und Stelle an das Zentrum für Terrorismusbekämpfung des amerikanischen Heeres in West Point im Bundesstaat New York übergeben. Das „Combating Terrorism Center“ an der Heeresakademie hat den Datensatz jetzt in unveränderter Form veröffentlicht - sowohl die arabischsprachigen Originaldokumente als auch die englische Übersetzung - und mit einer kurzen Einleitung versehen. Darin stellen die Autoren fest, dass der Einmarsch in den Irak einen immensen Mobilisierungseffekt für radikalislamische Männer in der gesamten arabisch-muslimischen Welt hatte.

          Neun Von zehn Attentätern kommen über Syrien ins Land

          Auf der Grundlage der Daten von Sindschar, die zwischen August 2006 und August 2007 in dem Terroristendurchgangslager erhoben wurden, glauben die amerikanischen Streitkräfte heute, dass neun von zehn Selbstmordanschlägen im Irak von Ausländern verübt werden; vor der Entdeckung des wichtigen Datenfunds war man von 75 Prozent ausländischen Selbstmordattentätern ausgegangen. Zudem gehen die Streitkräfte jetzt davon aus, dass neun von zehn ausländischen Kämpfern im Irak über Syrien ins Land gekommen sind; das ist ebenfalls ein höherer Anteil, als man zuvor angenommen hatte.

          Alle ausländischen Kämpfer im Irak, die in Sindschar erfasst wurden, stammen aus sunnitisch geprägten Staaten. Sie sind zwischen 15 und 54 Jahre alt, wobei die Geburtsjahrgänge 1982 bis 1986 am häufigsten vertreten sind. Die meisten Kämpfer beantworteten die Frage nach ihrem Beruf nicht, doch von dem guten Viertel, das eine Antwort gab, bezeichneten sich fast 43 Prozent als „Studenten“, worunter angesichts der Altersverteilung sowohl Schüler an weiterführenden Schulen als auch Berufsschüler und Studenten an Universitäten zu verstehen sind. Fünf der Kämpfer und potentiellen Selbstmordattentäter waren Lehrer, vier Ingenieure, drei Ärzte, und einer gab als Berufsbezeichnung „Massagetherapeut“ an.

          Ordentlich dokumentiert - mit Passfoto

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