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Attacke im Thalys : Die Helden aus Waggon 12

Gemeinsame Pressekonferenz der drei amerikanischen Helden mit der Botschafterin in der amerikanischen Auslandsvertretung in Paris Bild: dpa

Fünf Reisende überwältigten im Thalys-Schnellzug einen schwer bewaffneten Marokkaner und verhinderten so ein Blutbad. Nach Informationen der F.A.Z. stand dessen Name auf verdeckten Listen der Geheimdienste. Sie sehen ihn als radikalen Islamisten.

          6 Min.

          Am Sonntagnachmittag herrscht rings um den Gare du Midi, dem Brüsseler Südbahnhof, reges Treiben. Es ist der letzte Tag des alljährlichen Jahrmarkts, der an diesem Sonntag die Besucher mit Preisnachlässen bis zu vierzig Prozent anlockt. Kaum jemand beachtet die Züge, die über die breite Eisenbahnbrücke rollen. Darunter sind auch rotsilberne Thalys-Hochgeschwindigkeitszüge, die Brüssel mit dem 300 Kilometer entfernten Paris im Regelfall in gerade einmal 82 Minuten verbinden. Im Inneren des Bahnhofs aber kann von Normalität keine Rede sein. Schwer bewaffnete Polizisten patrouillieren nun am Gare du Midi und in den Thalys-Zügen. Das dürfte bis auf weiteres so bleiben. Am Freitagabend wurde nur durch das beherzte Eingreifen von fünf Reisenden ein Blutbad in einem Richtung Paris fahrenden Thalys vereitelt.

          Eckart Lohse
          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.
          Christian Schubert
          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          In den Thalys mit der Zugnummer 9364 war am Freitag gegen 17 Uhr der 26 Jahre alte Marokkaner Ayoub el Khazzani eingestiegen. In seinem Gepäck befand sich ein Kalaschnikow-Sturmgewehr mit neun Magazinen, eine automatische Pistole sowie ein scharfes Teppichmesser. 553 Passagiere saßen mit ihm im Zug. Eine knappe halbe Stunde nach Abfahrt, als der Zug mit hohem Tempo gerade die französische Grenze unweit von Lille überquert hatte, schloss sich Khazzani kurz auf der Toilette ein – er bereitete sich offenbar auf seinen Angriff vor. Er kam heraus, die Kalaschnikow im Anschlag. Was dann geschah, konnte bislang nicht genau rekonstruiert werden. Offenbar kam ihm zufällig ein 28 Jahre alter französischer Bankangestellter entgegen. Es kam offenbar zu einem Handgemenge, es löste sich ein Schuss, der Franzose wurde getroffen, ein Fenster zerbarst.

          Khazzani eilte weiter in Waggon 12. Doch er feuerte keine Schüsse mehr ab – das konnte er gar nicht, denn offenbar klemmte das Sturmgewehr. Auch die Pistole soll zu diesem Zeitpunkt nicht funktioniert haben. Fünf Fahrgäste, darunter zwei amerikanische Soldaten, überwältigten den Marokkaner binnen weniger Minuten. Anderenfalls hätte es ein Blutbad im Thalys gegeben. Die Sicherheitsdienste mehrerer Länder rechnen Khazzani dem radikalen islamistischen Lager zu.

          Einladung in den Elysée-Palast

          Die Bilder der beiden Soldaten Alek Skarlatos und Spencer Stone, des mit ihnen befreundeten Studenten Anthony Sadler und des britischen Geschäftsmanns Chris Norman gehen nun um die Welt. Der französische Präsident François Hollande lud die Männer, darunter auch einen Franzosen, der ungenannt bleiben will, für Montagmorgen in den Elysée-Palast ein. Der amerikanische Präsident Barack Obama dankte den Rettern: „Ihre heldenhafte Tat hat möglicherweise eine viel schlimmere Tragödie verhindert.“

          Die drei jungen Amerikaner hatten auf ihrer Urlaubsreise durch Europa den Thalys am Freitagnachmittag in Amsterdam bestiegen. Dann hörten sie den Schuss, Scheiben klirrten. „Ich drehte mich um und sah einen Mann mit einer Kalaschnikow hereinkommen. Meine Freunde und ich duckten uns und dann sagte ich: ,Schnappen wir ihn‘“, erzählt der 22 Jahre alte Nationalgardist Skarlatos am Wochenende vor Journalisten. Der Air Force-Mann Spencer Stone warf sich nach Angaben von Zeugen auf den Marokkaner und zwang ihn zu Boden. Dabei verletzte Khazzani Stone mit dem Teppichmesser an der Hand und am Nacken. Die beiden Amerikaner, sowie der Brite und Franzose brachten den Angreifer dann vollständig unter Kontrolle. „Ich habe ihm dann die Waffe weggenommen und ihm auf den Kopf geschlagen, bis er ohnmächtig wurde“, berichtet Skarlatos. Sadler berichtete, Khazzani habe gefordert, ihm das Gewehr zurückzugeben. „Wir schlugen ihn aber weiter, stellten ihn ruhig und das war’s“, sagte Sadler. Schließlich fesselten die Männer ihn mit der Krawatte eines Thalys-Mitarbeiters.

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