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Attacke auf Westergaard : „Ein sehr schwerwiegender Vorfall“

  • -Aktualisiert am

Der Attentäter wurde nach der Festnahme in Aarhus dem Richter vergeführt Bild: AP

Der Somalier, der in der Nacht zum Samstag versucht hatte, mit Axt und Messer den dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard zu attackieren, stand unter Beobachtung des dänischen Geheimdienstes. Angeblich plante er auch einen Anschlag auf die amerikanische Außenministerin Clinton.

          Kurt Westergaard flüchtete mit seiner fünf Jahre alten Enkelin in einen „Panikraum“, das Badezimmer seiner Wohnung in der Nähe von Århus. Das ist die Zuflucht für den Karikaturisten für alle Fälle. Der Raum mit verstärkten Türen, Panzerglas, Sicherheitsschlössern und einem „Panikknopf“, einer Direktverbindung zur Polizei, war dem Zeichner eingerichtet worden, nachdem immer wieder Todesdrohungen gegen ihn ausgesprochen und schon einmal ein Mordanschlag auf ihn verübt worden war. Westergaard hatte es im September 2005 gewagt, den Propheten Mohammed in einer Karikatur darzustellen. Seit gut zwei Jahren steht er deshalb unter Polizeischutz.

          In der Nacht zum Samstag war ein mit einer Axt und einem Messer bewaffneter Somalier in das Haus von Westergaard eingebrochen. Der Attentäter hat laut Westergaard immer wieder „Rache“ und „Blut“. Der Zeichner konnte sich und das Mädchen in den Raum retten, auf dessen Tür der Somalier einschlug, bis die Polizei ihn mit zwei Schüssen kampfunfähig machen konnte. Er hatte die Axt nach den Beamten geworfen und war mit dem Messer auf sie losgegangen. „Es war knapp“, sagte der 74 Jahre alte Westergaard anschließend.

          „Angriff auf unsere offene Gesellschaft und unsere Demokratie“

          Zwölf Zeichnungen des Propheten Mohammed in der dänischen Tageszeitung „Jyllands-Posten“ im September 2005 hatten zu Aufruhr und Zusammenstößen in muslimischen Ländern geführt, bei denen 50 Menschen ums Leben kammen, und zu einem Boykott dänischer Waren. Westliche Politiker verteidigten damals wie auch nach dem Angriff jetzt am Neujahrstag die Pressefreiheit. Der dänische Ministerpräsident Lars Løkke Rasmussen sprach von einem Angriff auf „unsere offene Gesellschaft und unsere Demokratie“.

          Unverletzt im „Panikraum”: Kurt Westergaard

          Der Geheimdienst PET sprach von einem „sehr schwerwiegenden Vorfall“. Außenminister Per Stig Møller sagte am Sonntag der dänischen Zeitung „Berlingske Tidende“, es werde Terrordrohungen geben, solange es das Terrornetzes Al Qaida gebe. Offenbar handelte der Somalier als Einzeltäter, er hat aber Kontakte zur somalischen fundamentalistischen Gruppe Al Shabaab, die Verbindungen zu Al Qaida gesucht hat. Al Shabaab strebt nach einer Übernahme der Scharia-Gesetze in Somalia. Al Shabaab bestritt, dass der Attentäter sein Mitglied gewesen sei, begrüßte aber seinen Anschlag und forderte dazu auf, die dänischen Karikaturisten, die Mohammed verspottet hätten, „um jeden Preis“ zu töten.

          Angreifer bestreitet eine Mordabsicht

          Der 28 Jahre alte Angreifer bestreitet eine Mordabsicht. Er war im vergangenen August in Kenia festgenommen worden, angeblich im Zusammenhang mit einem Anschlagsplan auf die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton, aber freigelassen worden. Er stand unter Beobachtung der Polizei.

          Viele der 16.000 Somalier in Dänemark gelten als wenig integriert, manchen wird Sympathie für terroristische Gruppen nachgesagt. Al Shabaab erhält einen Teil ihrer Finanzen von in Nordeuropa lebenden Somaliern. Mehrere Dutzend in Dänemark lebende Somalier sollen in Somalia militärisch ausgebildet worden sein.

          Vor vier Jahren: Aufruhr in der muslimischen Welt

          Der Aufruhr in der muslimischen Welt begann erst vier Monate nach dem Druck der zwölf Karikaturen in der „Jyllands-Posten“ und erst nach einem Nachdruck in einer norwegischen Zeitung. Im September 2005 hatte Westergaard den Propheten Mohammed mit einer gezündeten Bombe im Turban gezeichnet. Es gibt Hinweise, dass die Proteste und Morddrohungen ihren Ausgang nahmen im Bemühen dänischer Muslime, die saudischen Gruppen aufzustacheln, um ihre eigene Rolle zu stärken.

          Innerhalb weniger Tage uferten die Proteste aus in Anschläge auf skandinavische Botschaften im Nahen Osten. Dänische und norwegische diplomatische Vertretungen in Syrien und im Libanon sowie dänische Fahnen wurden im Februar 2006 in Brand gesteckt, eine Außenstelle des deutschen Verbindungsbüros im Gazastreifen angegriffen. Eine pakistanische Partei setzte ein Kopfgeld aus auf die dänischen Karikaturisten, die unter Polizeischutz gestellt wurden. Die libanesische Hizbullah drohte mit Selbstmordanschlägen und einem „blutigen Krieg“. Die EU und die amerikanische Regierung verurteilten die Angriffe und stellten sich hinter die dänische Haltung. Bundespräsident Köhler sagte gemeinsam mit sechs anderen europäischen Präsidenten, Gewalt und Drohungen seien unter keinen Umständen hinnehmbar. Einige dänische Fabriken im Nahen Osten mussten nach Drohungen und einem Warenboykott zeitweise schließen.

          Zahlreiche europäische und amerikanische Zeitungen und Zeitschriften druckten die Karikaturen nach, um ihr Eintreten für Presse- und Meinungsfreiheit zu zeigen. Muslime wiederum empfanden diese als Beleidigung und als Verstoß gegen das Verbot des Islam, Mohammed abzubilden.

          Die dänische Regierung und die Zeitung waren zu einer Entschuldigung nicht bereit, bedauerten aber nach einigen Tagen, dass die Zeichnungen die religiösen Gefühle von Muslimen verletzt hätten. Kaum ein anderes Thema hat in den letzten Jahren die Kluft zwischen muslimischen und säkularisierten westlichen Wertordnungen und Kulturen so deutlich gezeigt wie der Karikaturenstreit; dabei stand die Zeichnung Westergaards stärker als andere im Mittelpunkt nahöstlicher Kritik. Westergaard lässt sich nicht beirren. Er zeichnet weiter für die „Jyllands-Posten“. (Siehe auch: Kurt Westergaard: Ein ungebeugter Karikaturist - aber kein Märtyrer)

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