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Atomstreit mit Iran : Humanitäre Geste mit Hintergedanken

IAEA-Generaldirektor El Baradei vor Gesprächen mit Irans Präsident Ahmadineschad Bild: dpa

Die von Iran verheimlichte Nuklearanlage in Ghom soll Ende Oktober inspiziert werden - Im Gegenzug will der Westen Teheran angereichertes Uran liefern: Ausgerechnet dieser Handel weckt nun zaghafte Hoffnungen auf eine Wende im Atomstreit.

          Im Atomstreit mit Iran stehen plötzlich zwei Nuklearanlagen im Mittelpunkt, über die bis vor kurzem wenig zu hören war. Zum einen ist das die offenbar fast fertige Anlage zur Urananreicherung nahe Ghom, von der noch keine Rede sein konnte, weil Iran sie verheimlichte und westliche Geheimdienste ihre Erkenntnisse zurückhielten. Der Bau soll Platz für lediglich 3000 Gaszentrifugen bieten, was auf militärische Absichten hindeutet: Für ein Kraftwerk könnten die Zentrifugen nur einen Bruchteil des benötigten Urans anreichern. Sie würden aber genügen, um binnen Jahresfrist genug hochangereichertes Uran für eine Bombe herzustellen.

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

          Zum anderen wird nun intensiv über einen Forschungsreaktor in Teheran beraten, den die Vereinigten Staaten dem Schah in den sechziger Jahren bauten. Der schwache Fünf-Megawatt Reaktor (das von Russland errichtete Kernkraftwerk in Buschehr hat eine Leistung von 1000 Megawatt) produziert Radionuklide für medizinische Zwecke, etwa für Krebsbehandlungen. Er ging 1967 in Betrieb, wird seither von der IAEA überwacht und gilt den Inspekteuren als unbedenklich. Höchstens 18 Monate lang kann der Reaktor noch mit dem Brennstoff weiterbetrieben werden, den Argentinien 1992 lieferte.

          Teheran will die Anlagen Ende Oktober zeigen

          In Genf vereinbarten am Donnerstag hohe Diplomaten der UN-Vetomächte sowie Deutschlands, deren Delegation der scheidende EU-Außenbeauftragte Solana anführte, mit dem iranischen Chefunterhändler Dschalili, dass bis zu einem weiteren Treffen Ende Oktober zweierlei erreicht sein müsse. Erstens müsse die IAEA die Anlage bei Ghom gründlich untersucht haben. Dazu zählen nach westlicher Lesart neben einer Besichtigung der in einen Berg gebohrten, tunnelartigen Halle Gespräche mit Personal und die Einsichtnahme in wichtige Unterlagen. Am Sonntag teilte der scheidende IAEA-Generaldirektor El Baradei nach Gesprächen mit Präsident Ahmadineschad und dem Chef der iranischen Atombehörde, Salehi, in Teheran mit, Iran sei bereit, die Anlage den Inspekteuren am 25. Oktober zu zeigen.

          Zweitens sollen Fachleute der IAEA, Irans, Amerikas, Russlands und Frankreichs nach unterschiedlichen Angaben am 18. oder 19. Oktober die Umstände klären, unter denen das Ausland Iran neuen Brennstoff für den Teheraner Forschungsreaktor liefern könne. Auf den ersten Blick mag es so wirken, als sei die schnelle Inspektion von Ghom ein Etappensieg des Westens, die anvisierte Lieferung von Brennstoff für den Forschungsreaktor jedoch vor allem jene großzügige Geste der Sechsergruppe an Teheran, die Ahmadineschad Ende September in New York verlangt hatte. Aber Diplomaten hegen bei aller Vorsicht die Hoffnung, dass gerade dieser geplante Handel einen Wendepunkt markieren könne.

          Russland soll anreichern, Frankreich Brennstäbe fertigen

          Denn während die Inspektion der längst gründlich ausspionierten Anlage bei Ghom wenig Neues zutage bringen dürfte und deshalb für Iran eine eher symbolische Vorleistung darstellt, könnten über den Umweg des Teheraner Forschungsreaktors Irans Uran-Vorräte minimiert werden. Das Angebot, dem Iran im Grundsatz zugestimmt haben soll, sieht nämlich eine Weiterverarbeitung angereicherten Urans vor, das Iran in seiner Anreicherungsanlage in Natans lagert. Dort befinden sich nach IAEA-Angaben etwa 1500 Kilogramm schwach (zu weniger als fünf Prozent) angereicherten Urans in Form von Uranhexafluorid. Nach Informationen der F.A.Z. sieht der Plan vor, den größten Teil davon, nämlich mindestens 1200 Kilogramm, zunächst nach Russland zu transportieren.

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