https://www.faz.net/-gpf-9ttjt

Moratorium für Atomraketen? : Macrons waghalsige Suche nach Augenhöhe

  • -Aktualisiert am

Im August empfing Macron Putin an der Côte d’Azur Bild: AP

Wie die Kanzlerin glaubt der französische Präsident, dass die Zeiten, in denen man sich auf andere verlassen konnte, „ein Stück vorbei“ sind. Nur ist das Stück bei Macron viel größer als bei Merkel. Kann sich die Nato noch auf Paris verlassen?

          1 Min.

          Emmanuel Macron liebt Überraschungseffekte. Sein plötzlicher Flirt mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, den er  im Spätsommer an der Côte d’Azur begann, hat viele EU-Partner überrumpelt. Nun ist der Draufgänger im Elysée-Palast weiter vorgeprescht. Sein vertrauliches, der F.A.Z. vorliegendes Schreiben an den Kremlchef enthüllt, dass er mit Moskau über ein Moratorium für atomare Mittelstreckenraketen zu verhandeln bereit ist.

          Anfang August ist der Rüstungskontrollvertrag INF ausgelaufen, der Europa seit Ende 1987 vor der atomaren Bedrohung durch landgestützte Mittelstreckenraketen schützte. In den meisten europäischen Hauptstädten, auch in Berlin, wurde das hingenommen, als stehe nicht Europas Sicherheit auf dem Spiel. Beruhigend wurde auf die Nato verwiesen. Der umtriebige Franzose aber warnte vor den neuen russischen Raketen, die von Kaliningrad aus Paris oder Berlin erreichen können. Den anderen Europäern hielt Macron vor, sich wie Schlafwandler zu verhalten.

          Der ruhelose Mann im Elysée-Palast setzte zu einem gewagten Gedankensprung an. Aus der selbstverschuldeten strategischen Misere könne Europa nur ausbrechen, wenn es auf Augenhöhe mit Putin über eine neue Sicherheitsarchitektur verhandele. Macron trägt dabei die Überzeugung, die auch die Bundeskanzlerin einmal in einem bayrischen Bierzelt äußerte: Die Zeiten, in denen man sich auf andere verlassen konnte, seien ein Stück weit vorbei. Das Stück ist bei Macron nur erheblich größer als bei Merkel.

          In der Nato steht Macron allein

          Das liegt daran, dass die Franzosen seit Ende des Zweiten Weltkriegs mit Billigung der Amerikaner den strategischen Eigenbrötler spielen durften, solange sie ansonsten Bündnistreue bewiesen. Schon General de Gaulle beschwor ein Europa vom Atlantik bis zum Ural.

          Macrons Vorgehen ist waghalsig, denn es unterschlägt die russischen Vertragsverletzungen, die Washington erst dazu brachten, den Rüstungskontrollvertrag aufzukündigen. Er versteigt sich, Putin wie einen verlässlichen Gesprächspartner zu behandeln – trotz der Annektierung der Krim-Halbinsel und des Konflikts auf dem Donbass. In der Nato steht Macron mit seinem Wunsch allein, das russische Moratorium prüfen zu wollen.

          Die Länder an der Ostflanke der Nato sind bereits jetzt zutiefst über seine Neuausrichtung der Russlandpolitik verärgert. Die Sicherheitsordnung nach Auslaufen der Abrüstungsverträge ist dabei alles andere als geklärt. Macron stellt die richtigen Fragen, aber er wäre gut beraten, diese nicht im Alleingang beantworten zu wollen.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Weitere Themen

          Merkel spricht bei Erdoğan Lage deutscher Häftlinge an Video-Seite öffnen

          Abschiedsbesuch in Istanbul : Merkel spricht bei Erdoğan Lage deutscher Häftlinge an

          Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat bei ihrem Besuch in Istanbul die Situation in der Türkei inhaftierter deutscher Staatsbürger angesprochen. Einige von ihnen sitzen wegen der Unterstützung kurdischer Gruppen in Haft, die von der türkischen Regierung als „terroristisch“ eingestuft werden.

          Frau aus Deutschland unter Kongsberg-Opfern

          Gewalttat in Norwegen : Frau aus Deutschland unter Kongsberg-Opfern

          Die Frau habe seit längerem in Norwegen gelebt, teilte ein Sprecher des Auswärtigen Amts mit. Unterdessen wachsen bei den norwegischen Ermittlern die Zweifel daran, dass der Angriff mit Pfeil und Bogen terroristisch motiviert war.

          Topmeldungen

          David Amess am 13. Juni 2015 in Villepinte bei Paris

          David Amess im Porträt : Ein echter „East End boy“

          David Amess hat sich hochgearbeitet: vom Londoner Arbeiterviertel bis ins Parlament. Er suchte immer den direkten Kontakt zu seinen Wählern. Dass er ausgerechnet bei einer Bürgersprechstunde ermordet wurde, erschüttert viele Briten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.