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Atompolitik in Frankreich : Zaghafter Beginn einer Debatte

In Fessenheim im Elsass steht das älteste noch betriebene Atomkraftwerk Frankreichs Bild: dpa

Frankreich bezieht 80 Prozent seiner Elektrizität aus seinen 58 Reaktoranlagen. Bisher war die Atompolitik getragen von einem breiten gesellschaftlichen Konsens - nach der Katastrophe in Japan wird nun auch über die Risiken diskutiert.

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          In Frankreich ist unter dem Eindruck der Nachrichten aus Japan eine heftige öffentliche Debatte über die Risiken der zivilen Nutzung der Kernenergie ausgebrochen. Während in Paris die Außenminister der wichtigsten Industrienationen (G8) am Montagabend die Hilfsangebote an die japanische Regierung abstimmen wollten, beschäftigt die französische Öffentlichkeit die Sicherheit der heimischen Reaktoranlagen.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Die Parteivorsitzende der Umweltbewegung „Europa Ökologie-Die Grünen“, Cécile Duflot, forderte eine „nationale Debatte“ über die Zukunft der Kernenergie. Sie kritisierte die „Beruhigungsstrategie“ der französischen Regierung. „Die Regierung redet die Risiken klein“, sagte sie. Sie sprach sich für ein Referendum über einen auf mehrere Jahre angelegten Ausstieg aus der Kernenergie aus. „Wir müssen aus der Kernenergie aussteigen. Das können wir noch heute entscheiden“, sagte Frau Duflot.

          Als die Grünen von 1997 bis 2002 mit den Sozialisten Regierungsverantwortung ausübten, hatten sie die auf der Förderung des Nuklearsektors beruhende Energiepolitik mitgetragen. Sie hatten lediglich die Schließung der ohnehin vor dem Aus stehenden Reaktoranlage Superphénix durchgesetzt. Frankreich bezieht 80 Prozent seiner Elektrizität aus seinen 58 Reaktoranlagen. Präsident Sarkozy hat sich bei Reisen entschlossen dafür geworben, französische Nukleartechnologie als „saubere Energie“ im Ausland, unter anderem in Libyen, China oder Abu Dhabi zu verkaufen.

          Bislang war die zivile Nutzung der Kernenergie getragen von einem breiten öffentlichen Konsens. Doch auch bei den Sozialisten regt sich Widerspruch. Der sozialistische Abgeordnete Philippe Martin sagte, eine „transparente und demokratische Debatte über den richtigen Energiemix“ sei jetzt unerlässlich. Für eine schonungslose Überprüfung des französischen Reaktorparks sprach sich der sozialistische Parteisprecher Benoit Hamon aus. „Wir müssen von den Vorfällen in Japan lernen“, sagte er. „Wir können jedoch nicht von heute auf morgen aus der Kernenergie aussteigen“, sagte er.

          Energieminister Besson: „Keine atomare Katastrophe“

          Die Europaabgeordnete Corinne Lepage, die unter Premierminister Juppé als Umweltministerin wirkte, warnte vor den Risiken in Frankreich. Eine veraltete Anlage wie die in Fessenheim liege in einem durch Überschwemmungen und Erdstöße gefährdeten Gebiet. „Statt künstlich eine Debatte über den Islam herbeizureden, sollten wir lieber ein Referendum über die Nuklearenergie organisieren“, sagte Frau Lepage. Umweltministerin Nathalie Kosciusko-Morizet betonte, die französischen Reaktoranlagen seien die sichersten der Welt und hielten Naturkatastrophen stand.

          Energieminister Eric Besson sagte, in Japan handele es sich um einen „schweren Störfall“, es sei aber übertrieben, von einer atomaren Katastrophe zu sprechen. Der Präsident der französischen Kontrollbehörde für Nuklearsicherheit (ASN) André-Claude Lacoste sagte, auch in Frankreich könne nicht garantiert werden, dass es nicht eines Tages zu einem nuklearen Unfall komme. „Aber wir tun alles, damit die Folgen so geringfügig wie möglich bleiben“, sagte Lacoste.

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