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Atompolitik : Australien öffnet sich Schritt für Schritt der Atomkraft

Premier Howard entdeckt die Klimapolitik und will Kernkraftwerke zulassen Bild: AP

Ministerpräsident Howard will den Australiern erklären, dass sie auf Atomkraftwerke nicht mehr verzichten können. Oppositionsführer Kevin Rudd bezeichnet den Vorstoß als „politischen Selbstmord“, fordert gleichzeitig aber die Ausweitung des Uranabbaus.

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          Australien ist tief gespalten über seine Atompolitik. Während Ministerpräsident John Howard nun sogar Atomkraftwerke befürwortet, ringt sich die oppositionelle Labor-Partei im Wahljahr gerade zur Genehmigung weiterer Uranminen durch. Torpediert wird diese Zustimmung auf Bundesebene allerdings von einigen Labor-Ministerpräsidenten. Würde Australien seine Uranvorkommen ausbeuten, könnte es bei dem gefragten Rohstoff leicht an Kanada als weltgrößtem Produzenten vorbeiziehen.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Howard, der das Land seit 1996 regiert, hat für den begonnenen Kampf um die Wahl Ende November die Wirtschafts- und Klimapolitik entdeckt. Dabei gilt seine Regierung als zähe Gegnerin des Kyoto-Protokolls. Die Wettersituation aber erfährt jeder Australier am eigenen Leibe, etwa aufgrund der Dürre und zunehmenden Wasserknappheit. Bislang besitzt Australien keinen Atomreaktor.

          Howard aber macht seinen Landsleuten nun deutlich, dass es ohne auf Dauer kaum gehen werde: „Es gibt nur zwei Wege, wie man in unserem Land Energie gewinnen kann: Wir können unsere fossilen Brennstoffe verbrennen oder Nuklearkraftwerke bauen.“ Allerdings werde deren Vollendung weit jenseits seiner Amtszeit fallen. „Es wird mindestens zehn Jahre dauern, bis wir das erste Atomkraftwerk in Australien haben werden. Aber wir müssen jetzt beginnen, darüber nachzudenken“, sagte er.

          „Politischer Selbstmord“

          Zeitgleich vollziehen auch Howards politische Gegner, die Labor-Mitglieder, eine Kehrtwende: Auf ihrem Parteikongress entschieden sie, dass nach 25 Jahren Verbot künftig wieder Uranbergwerke genehmigt werden sollen. Oppositionsführer Kevin Rudd sagte, seine Partei betrachte die Kernenergie als „einen Schritt vorwärts für andere Volkswirtschaften, die nicht über den gleichen Rohstoffreichtum wie Australien verfügten“.

          Zwar wollen die Labor-Politiker Arbeitsplätze und Einkommen über einen forcierten Uranabbau schaffen, eigene Atomkraftwerke für Australien indes lehnen sie ab. Howards Vorstoß bezeichnete Rudd als „politischen Selbstmord“. Zurzeit führt Labor in den Umfragen vor der Wahl deutlich.

          Bizarr empfundenen Lage

          Australien besitzt rund 38 Prozent des bekannten Weltvorkommens an Uran. Bislang aber steuern die Australier mit nur drei Uranminen gerade einmal ein Fünftel zum derzeitigen Weltverbrauch bei. Dank der Renaissance der Atomkraft rund um die Erde dürfte die Nachfrage nach Uran aber deutlich wachsen. Die australische Industrievereinigung schätzt, dass das Land seine Exporte bis 2015 auf etwa 25.000 Tonnen verdoppeln könne, wäre der politische Wille vorhanden. Die Ausfuhren in diesem Fiskaljahr (30. Juni) dürften knapp 10.400 Tonnen erreichen, ein Wert von etwa 726 Millionen australischen Dollar (441 Millionen Euro). Der Wert der bislang bekannten Vorkommen in Australien aber wird auf mindestens 20 Milliarden Dollar geschätzt.

          Der Preis für den Rohstoff hat sich in zwei Jahren vervierfacht. Einer der Abnehmer australischen Urans könnte Indien werden. Das Land einigt sich gerade mit Amerika über den Aufbau einer zivilen Atomwirtschaft. Allerdings weigern sich die Inder, dem Atomwaffensperrvertrag beizutreten. Diesen Beitritt aber fordern die Australier bislang grundsätzlich von ihren Abnehmerländern für Uran. Das führt zu der auch im Lande als bizarr empfundenen Lage, dass die Demokratie Indien, ein strategischer Partner des australischen Verbündeten Amerika, kein Uran bekäme, während die Einparteiendiktatur China sehr wohl beliefert wird.

          Zum größten Uranbergwerk der Welt

          Eine landesweite Genehmigung neuer Minen aber wird frühestens nach der Wahl kommen. Denn mehrere Labor-Ministerpräsidenten halten an ihrem Kurs fest, in ihrem Bundesland keine Uranminen zu öffnen - auch wenn sie gerade für die Erlaubnis als solche stimmten. So wird ausgerechnet Westaustralien, in dem die wichtigsten Rohstoffvorkommen liegen, kein Uran abbauen. Das Bundesland allerdings hat es auch nicht nötig, da es durch seine sonstigen Rohstoffe schon jetzt einen beispiellosen Aufschwung erlebt. Sein Bruttoinlandsprodukt legt um rund 5 Prozent jährlich zu, für ganz Australien rechnen Analysten mit etwa 3 Prozent Wachstum in diesem Jahr. Das Land erfährt einen 16 Jahre währenden Wirtschaftsboom, die Arbeitslosigkeit steht mit 4,5 Prozent auf dem niedrigsten Stand seit 31 Jahren.

          Anders als der Westen hat sich - das ebenfalls Labor-regierte, aber wirtschaftlich weniger starke - Südaustralien entschieden: Dessen Ministerpräsident Mike Rann begrüßte den Politikwechsel überschwänglich. „Innerhalb von nur 48 Stunden ist Südaustralien nun offen für jede Form von Uranabbau und -ausfuhr“, sagte er nach der Abstimmung. Schon jetzt ist sein Bundesland Zentrum des Uranabbaus mit zwei der drei vorhandenen Minen. Mehr als einhundert Lizenzen für neue Minen seien bei den Behörden schon eingereicht, sagte Rann.

          Die Börse nimmt das neue Denken in der australischen Politik vorweg. Sollten die australischen Länderchefs etwa nach der Wahl ihrer Parteientscheidung folgen, darf mit steigenden Kursen gerechnet werden. Ein Wert wie Northern Uranium etwa hat seit Oktober 600 Prozent gewonnen. Southern Uranium, erst im April an die Börse gegangen, hat schon 85 Prozent gutgemacht, ohne bislang auch nur eine einzige Bohrung vorzunehmen. Der weltgrößte Bergbaukonzern, BHP Billiton, erwägt seinen Uranabbau im Olympic-Dam-Vorkommen im Süden des Landes mit einer Investition von mindestens 5 Milliarden Dollar auszubauen. Damit könnte sich die Ausbeute allein dort auf 15.000 Tonnen verdreifachen und die Mine zum größten Uranbergwerk der Welt machen.

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