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Atomkrise : Mindestens tausend Zentrifugen in Iran installiert

  • Aktualisiert am

Irans Präsident Ahmadineschad provoziert weiter Bild: AFP

Iran hat sein Atomprogramm nach F.A.Z.-Informationen tatsächlich erheblich ausgeweitet. Nach Ansicht der Atomenergiebehörde könnte Teheran in sechs Jahren eine Atombombe bauen. Unterdessen zeigen die UN-Sanktionen Wirkung.

          Iran hat sein Atomprogramm nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.) tatsächlich erheblich ausgeweitet, auch wenn am Mittwoch noch immer unklar war, ob das Land wirklich eine „industrielle“ Stufe der Urananreicherung erreicht hat.

          Diplomaten in Wien, dem Sitz der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), sagten der F.A.Z., Iran habe vor einigen Wochen bereits 1000 Zentrifugen zur Urananreicherung in seiner Anlage in Natans installiert gehabt. Das ist eine merkliche Erhöhung, da Iran nach Beginn der Anreicherung vor einem Jahr zunächst nur zweimal 164 Zentrifugen in Betrieb hatte. Die Regierung in Teheran hatte am Montag gemeldet, sie habe nun 3000 Zentrifugen in Betrieb, womit eine Anreicherung auf industriellem Niveau erreicht sei.

          Verschärfung der Zwangsmaßnahmen notwendig?

          Die Zahl der Zentrifugen gilt als wichtig, weil daran der Fortschritt des iranischen Atomprogramms abgelesen werden kann. Westliche Regierungen befürchten, dass Iran sich unter dem Deckmantel eines zivilen Atomprogramms die Fähigkeit zum Bau von Kernwaffen verschaffen möchte. 3000 Zentrifugen gelten als notwendig, um den Sprengstoff für ein bis zwei Atombomben im Jahr herzustellen.

          Die Atomforschungsanlage Natans: Schon vor Wochen 1000 Zentrifugen installiert?

          Zwei Inspekteure der IAEA halten sich gegenwärtig zu einer Routineinspektion in Natans auf. Die Behörde beabsichtigt nicht, ihre Erkenntnisse vor dem 23. Mai zu veröffentlichen, wenn sie dem UN-Sicherheitsrat ihren neuen Iran-Bericht vorlegen muss. Der amerikanische UN-Botschafter Wolff äußerte die Erwartung, dass über eine Verschärfung der Sanktionen gegen Iran nicht entschieden werde, bevor die IAEA ihren Bericht vorlegt. Wolff sagte, er rechne mit einer Verschärfung der Zwangsmaßnahmen, sollte Teheran seine gegenwärtige Haltung beibehalten.

          „Es gibt noch viel Zeit zum Verhandeln“

          Eine Sprecherin der IAEA sagte am Mittwoch im Deutschlandfunk, sollte die iranische Regierung sich zum Bau von Atomwaffen entschließen, wofür es bisher keine Anzeichen gebe, dann werde es wohl noch „zwei bis vier Jahre, vier bis sechs Jahre“ dauern, bis das Land tatsächlich eine Atombombe bauen könne. „Es gibt also noch viel Zeit zum Verhandeln.“

          Die russische Regierung beschwerte sich derweil über eine Übung der iranischen Luftwaffe in der Nähe von Buschehr, wo mit Hilfe Russlands der erste Leichtwasserreaktor Irans entsteht. Man habe die dort beschäftigten russischen Fachleute nicht über das Manöver informiert. Moskau, das Iran im Atomstreit lange unterstützt hatte, hatte seine Arbeiten in Buschehr kürzlich schon wegen angeblicher Zahlungsversäumnisse Irans gedrosselt.

          Iran-Geschäft eingebrochen

          Unterdessen zeigen die Sanktionen der Vereinten Nationen gegen Iran Wirkung: Allein im Monat Januar dieses Jahres lieferten deutsche Unternehmen zehn Prozent weniger Waren nach Iran, stellte die deutsch-iranische Handelskammer fest. Im Februar dieses Jahres hatte der Deutsche Industrie- und Handelskammertag deutsche Unternehmen mit Iran-Geschäft zu ihren Perspektiven befragt, und ein Drittel der Befragten gab an, das Geschäft sei um bis zu 50 Prozent eingebrochen. Ein weiteres Drittel rechnet für die nähere Zukunft mit Verlusten. Iran ist im Nahen Osten der zweitwichtigste Absatzmarkt der deutschen Wirtschaft nach den Vereinigten Arabischen Emiraten. Rund 6000 deutsche Unternehmen pflegen teilweise seit Jahrzehnten Geschäftsbeziehungen zu Unternehmen im Mullah-Staat.

          Eigentlich galten die „smart sanctions“ des UN-Sicherheitsrats nicht deutschen Mittelständlern, sondern dem iranischen Atomprogramm und seinen führenden Köpfen: Die erste Resolution vom Dezember 2006 untersagt den Mitgliedstaaten, an Iran Technologie und Ausrüstung für das Atomprogramm zu liefern. Außerdem wurden die Auslandskonten von rund zwanzig Unternehmen und Beteiligten des Programms eingefroren. Die zweite Resolution vom März dieses Jahres verbietet iranische Waffenexporte und schränkt den Zahlungsverkehr mit Iran weiter ein.

          Besonders die Finanzierung des Iran-Geschäfts wird für die Unternehmen zum Problem: So sinkt etwa die Summe, die von der Kreditanstalt Hermes zur Deckung des Iran-Geschäfts zur Verfügung gestellt wird, kontinuierlich. Nach einem Höchststand von 2,3 Milliarden Euro im Jahr 2004 standen 2005 nur noch 1,4 Milliarden und 2006 nur noch 900 Millionen Euro zur Verfügung. Diese Kürzungen treffen mittelbar wiederum die iranische Wirtschaft, die dringend auf den Transfer von technischem Wissen angewiesen ist.

          Religiöse „Stiftungen“ auf der Boykottliste

          Dazu zieren sich europäische Banken offenbar zunehmend bei der Ausstellung von Akkreditiven für das Exportgeschäft. Das gilt besonders für Geldhäuser, die zugleich Geschäftsbeziehungen nach Amerika pflegen. So entschloss sich die Commerzbank Mitte Januar, die Abwicklung von Dollar-Transaktionen für Iran zu beenden - nach eigenen Angaben infolge des „moralischen Drucks“ aus Washington.

          Anfang 2006 hatte sich Credit Suisse aus dem gleichen Grund aus dem Iran-Geschäft zurückgezogen. Die Bank hatte zuvor nahezu das gesamte Dollar-Clearing für Iran abgewickelt, das wichtig ist für den Ölexport. Auf der Sanktionsliste der UN steht zudem der Vorstandschef der iranischen Bank Sepah, auch wird das ganze Geldhaus mit einem Finanzboykott belegt. Auf der Boykottliste der UN finden sich zudem mehrere religiöse „Stiftungen“, die faktisch öffentliche Unternehmen sind und fest mit der iranischen Wirtschaft verwachsen sind.

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