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Ukrainekrieg : Atomkraftwerk vermint und unter Beschuss

Ein russischer Kombattant vor dem Atomkraftwerk Saporischschja. Bild: Reuters

Immer wieder kommt es zu Kampfhandlungen am Kernkraftwerk Saporischschja im Süden der Ukraine. Die Ukraine berichtet von Minen und Geschossen in den Werkshallen und warnt vor einer „atomarer Erpressung“ durch Russland.

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          Die Ukraine hat Russland vorgeworfen, am Kernkraftwerk Saporischschja „offen atomare Erpressung zu betreiben“. Das schrieb einer der wichtigsten Berater des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, Mychajlo Podoljak, am Montag auf Twitter. Die russischen Truppen, die das Atomkraftwerk (AKW) und die Umgebung besetzt haben, bedrohten ganz Europa durch „Verminung des AKW-Geländes, die Lagerung von Geschossen in den Werkshallen und direkte Drohungen, durch eine Sprengung ‚verbrannte Erde‘ zu hinterlassen“.

          Gerhard Gnauck
          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.
          Friedrich Schmidt
          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Zuvor, ebenfalls am Montag, hatte die ukrainische Atombehörde Enerhoatom in ihrem Telegram-Kanal über die Botschaft eines russischen Generals an seine Soldaten berichtet. Der den Truppen für ABC-Schutz, also vor atomaren-, biologischen und chemischen Gefahren, angehörende Generalmajor Walerij Wasiljew, der „jetzt die Garnison am Kernkraftwerk Saporischschja befehligt“, habe gesagt: „Wir haben alle wichtigen Objekte des Kernkraftwerks vermint.“

          Der „Feind“ – die Ukrainer – wisse das und wisse auch, dass das AKW entweder russisch oder in niemandes Besitz sein werde. „Wir sind auf die Konsequenzen eines solchen Schrittes vorbereitet. Wenn der drastischste Befehl kommt, sollten wir ihn ehrenhaft ausführen.“

          Nachdem am Freitag und Samstag auf dem Kraftwerksgelände Geschosse eingeschlagen waren und ein Reaktorblock heruntergefahren werden musste, meldete Enerhoatom für den Sonntagnachmittag einen weiteren Fall von Beschuss. Die AKW-Mitarbeiterin Julia Janschula habe durch Splitter Verletzungen erfahren und sei „in mittelschwerem Zustand“ in einem Krankenhaus.

          Ukrainisches Personal arbeitet unter russischer Aufsicht

          „Trotz allem arbeitet das ukrainische Personal unter unmenschlichen Bedingungen weiter“, um die Strahlungssicherheit zu gewährleisten, hieß es. Die führenden russischen Medien reagierten zunächst nicht auf die ukrainischen Berichte über „Erpressung“ und „Verminung“.

          Dmitrij Peskow, der Sprecher von Präsident Wladimir Putin, warf der ukrainischen Seite dann vor, das Atomkraftwerk in Enerhodar im Gebiet Saporischschja beschossen zu haben. Er sprach am Montag von einer „potentiell sehr gefährlichen Tätigkeit“, die „katastrophale Folgen für ein enormes Gebiet, einschließlich des Territoriums Europas“ haben könne. Länder, die „absoluten Einfluss auf die ukrainische Führung“ hätten, sollten auf Kiew einwirken, „um eine Fortsetzung eines solchen Beschusses auszuschließen“.

          Die russische Führung stellt die Regierung in Kiew somit als westliches Marionettenregime dar. Der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums sagte am Montag, das „Selenskyj-Regime“ habe am vergangenen Sonntag am Kernkraftwerk einen „neuen Akt des nuklearen Terrorismus verübt“, um eine „humanitäre Kata­strophe in den Gebieten von Cherson und Saporischschja“ auszulösen.

          Abkopplung vom ukrainischen Netz droht

          Als Ergebnis ukrainischen Beschusses sei eine Hochspannungsleitung beschädigt worden, die Strom in die beiden Gebiete leite. Ein „Spannungssprung“ sei eingetreten, Qualm habe sich entwickelt, die Stromdurchleitung sei abgestellt worden, der Brandschutz eingeschritten, und das technische Personal habe letztlich die Leistung zweier Blöcke des Kraftwerks herabgesetzt. In dem Kraftwerk arbeitet ukrainisches Personal unter Aufsicht russischer Besatzungstruppen.

          Ende Mai hatte der stellvertretende russische Ministerpräsident Marat Chusnullin bei einem Besuch der besetzten Teile der Gebiete Cherson und Saporischschja gesagt, das Atomkraftwerk werde künftig nur dann weiter „für die Ukraine arbeiten“, wenn Kiew für den Strom bezahle, andernfalls „für Russland“.

          Die ukrainische Energiebehörde hatte das als „Wunschdenken“ bezeichnet: Russland könne zwar eigene Stromverbindungen bauen, aber das werde Jahre dauern. Doch warnten am Montag Fachleute im Kiewer Portal lb.ua, eine Abkoppelung des AKW vom ukrainischen Netz könne in dem Land den erwarteten „schwersten Winter seiner Geschichte“ weiter verschlimmern.

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