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Französischer Atom-Plan : Macrons Vision Nucléaire

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron will das Weltklima mit Mini-Atomkraftwerken retten. Bild: EPA

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron will das Klima mit modernen Mini-Atomkraftwerken retten. Die Kleinstreaktoren sind aber auch für Bombenbauer attraktiv.

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          Als Emmanuel Macron vergangene Woche ein neues Zeitalter der Atomkraft ausrief, stand er auf einer grünen Bühne, und grün waren auch seine Worte: Kernenergie ist Strom ohne Kohlendioxid, Kernenergie ist eine Chance – für Frankreich, für Europa, für das Klima.

          Dass der Präsident auf „Nucléaire“ setzt, also auf eine Dinosauriertechnik des 20. Jahrhunderts, scheint auf den ersten Blick vernünftig. Vieles spricht dafür, dass Deutschland mit seinem Sturzausstieg aus der Kernkraft die falsche Reihenfolge setzt. Als er beschlossen wurde, war in Japan gerade das Kraftwerk Fukushima verunglückt. Raus also, war die Devise. Heute aber ist eine andere Krise akut. Die Luft wird wärmer. Flüsse laufen über, Menschen ertrinken. Der T-Rex dieser Zeit, der schlimmste aller Stoffe ist heute nicht Uran oder Plutonium, sondern Kohlendioxid. Vielleicht schlachtet Deutschland also gerade den falschen Saurier zuerst. Vielleicht wäre es gut, die letzten deutschen Atomkraftwerke zumindest für eine Übergangszeit noch laufen zu lassen.

          Und hier ist ein zweiter Blick auf Macrons Vision nötig. Er setzt auf eine neue Technologie, den „kleinen, modularen Reaktor“. Der ist das künftige Taschen-Kraftwerk von der Stange, Serienware wie ein Citroën oder ein Renault. Er würde auf einen Tieflader passen. Überall in der Welt könnte man damit Elektroautos betreiben oder Wasserstoff für grünen Stahl produzieren. Eine Studie des Bundesamtes für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) zeigt, dass seine Produktion ab 3000 Stück rentabel sein könnte.

          Atomkraft und Atomkrieg

          Das alles sieht allerdings nicht aus wie eine Übergangslösung. Was Macron präsentiert, ist mehr: der Entwurf eines Königswegs aus der Klimakrise. Aber ist er gangbar? – Erst ein paar Zahlen. Die 400 Atomkraftwerke von heute schaffen etwa ein Zehntel der globalen Stromproduktion. Dafür wären der deutschen Studie zufolge bis zu zehntausend moderne Kleinreaktoren nötig. Um die übrigen neun Zehntel zu schaffen und weltweit die Kohle zu ersetzen, brauchte man deshalb viele zehntausend neue Mini-Meiler.

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          Diese Zahl ist das Problem. Es geht hier nicht nur um Unfälle. Die bleiben möglich, und es weiß auch niemand wohin mit dem Atommüll. Aber schlimmer ist, dass jemand einen dieser unzähligen Reaktoren plündern und aus dem Brennstoff Bomben bauen könnte. Die Autoren der BASE-Studie jedenfalls meinen: Diese Gefahr ist real. Kleinstreaktoren wären für Bombenbauer attraktiver als klassische Atomkraftwerke. Wegen ihrer schieren Zahl wären sie schwer zu überwachen, vor allem in wilden Ländern. Außerdem brauchen sie eben, weil sie so klein sind, besonders hoch angereichertes Uran. Das aber ist gut für die Bombe.

          Wer aber möchte die Bombe? – Hier lohnt ein Blick auf die Kunden, welche die neue Technik vor allen anderen kaufen müssten, wenn dem Klima geholfen werden soll. Zu den zehn größten CO2-Emittenten der Welt gehören Indien und Indonesien, dazu Iran und Saudi-Arabien. Zu den zehn Ländern mit dem höchsten Pro-Kopf-Ausstoß gehören Bahrain, Kuwait, Oman, Qatar und die Vereinigten Arabischen Emirate. Überall dort müssten die neuen Minireaktoren stehen, wenn sie dem Klima helfen sollen. Will das jemand?

          Konrad Schuller
          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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