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Atomkatastrophe in Japan : Herr Shimizu meldete sich krank

  • -Aktualisiert am

Masataka Shimizu soll sich mehr als eine Woche lang in seinem Büro eingeschlossen haben. Bild: AFP

Führungsqualität zeigt sich vor allem in Krisen. Wenn man danach geht, hat Tepco, der Betreiber der Kernkraftwerke von Fukushima, noch viel zu lernen. Aber nicht nur an Führungsqualität fehlt es dem Unternehmen offenbar.

          Als die große Nuklear-Krise über Japan hereinbrach, die sein Unternehmen zu verantworten hatte, meldete sich Herr Shimizu krank. Der 67 Jahre alte Präsident der mächtigen Tokyo Electric Company, soll sich mehr als eine Woche lang in seinem Büro eingeschlossen haben, meldeten japanische Zeitungen. Seit dem 13. März ist Shimizu nicht mehr öffentlich aufgetreten. Verlautbarungen und Stellungnahmen hat er seinen Stellvertretern und Sprechern überlassen.

          Nun kam heraus: Masataka Shimizu ist wegen Krankheit arbeitsunfähig und musste in ein Krankenhaus gebracht werden. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Kyodo litt Shimizu an Bluthochdruck und Schwindelgefühlen. Das Krisenmanagement soll nun der Vorstandsvorsitzende Tsunehisa Katsumata übernehmen.

          Dass der oberste Direktor sich in der größten Krise nicht nur seines Unternehmens zurückzieht, lediglich eine Entschuldigung für notwendig hält und keinerlei Führungsanstrengungen unternimmt, wirft abermals ein schlechtes Licht auf Tepco, den Betreiber des Atomkraftwerkskomplexes von Fukushima. 600 Arbeiter kämpfen einen heroischen Kampf im radioaktiv belasteten Gelände des havarierten Atomkraftwerkes. Aber was machen ihre Vorgesetzten, die Planer, die Techniker, die Wissenschaftler und nicht zuletzt die Direktoren des Unternehmens?

          Ein von der Betreibergesellschaft Tepco veröffentlichtes Foto des Fukushima-Reaktors Nummer 1 vom 23. März.

          In der Kombination von peinlich genauer Pflichterfüllung und Mangel an Flexibilität, besonders in Krisensituationen, die japanischen Unternehmen gemeinsam ist, bewegte sich auch der Energieriese langsam, schwerfällig und arrogant. Erst ein öffentlich gewordener Wutausbruch des Ministerpräsidenten brachte die Tepco-Manager dazu, schneller Informationen auszugeben. Das war vier Tage nach dem Erdbeben. Mittlerweile ist Tag 18 nach der Katastrophe. Tepco liefert viele Informationen, aber die Zweifel an Verlässlichkeit der Auskünfte und Kompetenz des Unternehmens wachsen sogar noch, da doch nach und nach immer mehr Versäumnisse bekannt werden.

          „Sie waren gierig“

          Es begann damit, dass das Unternehmen, zögerte, Meerwasser auf die Reaktoren zu sprühen, weil es wusste, dass diese damit auf lange Sicht unbrauchbar werden würden. Der Gouverneur von Tokio Ishihara, der sich gerade um seine Wiederwahl bemüht, kritisierte Tepco deswegen scharf. „Sie waren gierig, hätten sie schneller reagiert, wäre es nicht so weit gekommen.“ Informationen und Veröffentlichungen gibt es viele, aber mit jeder neuen Information taucht ein neues Problemfeld auf, das vorher noch nicht erwähnt worden war. Zuerst war nur von den Problemen der Reaktorgebäude die Rede, dann gab es plötzlich auch Abklingbecken, die eine Gefahr darstellten.

          Niemand hatte in den ersten Tagen diese Abklingbecken erwähnt. Dann redete Tepco plötzlich vom Anschluss der Stromleitungen, wies aber erst später darauf hin, dass zuvor alle Kabel und Geräte überprüft werden müssen. Dann wurde die Kühlung mit Meerwasser als Durchbruch gefeiert, bis dann, zuerst aus den Vereinigten Staaten, die Warnung kam, das Salzwasser sei nicht gut für den Reaktor und könne wegen der entstehenden Salzkruste eine Erhitzung der Brennelemente bewirken.

          Dann kündigte das Unternehmen eine Kühlung mit Süßwasser an, teilte aber erst danach mit, dass das Süßwasser noch nicht zur Verfügung steht. Dann war von hochradioaktivem Wasser in den Turbinenräumen von drei Reaktoren, die bis dahin in den Informationen auch noch nicht vorgekommen waren, als von Gefahrenzonen die Rede war. Und nun gibt es Abflussschächte und Abwasserleitungen, die ins Meer führen, von denen bisher auch nicht die Rede gewesen war. Die Schächte stehen offenbar kurz vor Überlaufen, das hoch radioaktive Wasser würde dann direkt ins Grundwasser oder ins Meer gelangen. Man verstopft sie mit Sandsäcken, was für die breite Öffentlichkeit auch nicht gerade beruhigend klingt.

          Wie viele Fehler gab es schon?

          Seit Sonntag gibt es auch begründete Zweifel an den Messwerten von Tepco. Sie sprachen von einer 10 Millionen Mal erhöhten Strahlung des Wassers im Turbinenraum , korrigierten sich dann aber auf „nur“ 100.000 Mal erhöht. Die Atomaufsichtsbehörde erklärte am Montag den Fehler damit, dass es „äußerst schwierig“ sei, die Werte zu messen. Was sagt dies dann über die Zuverlässigkeit anderer bisher bekannt gegebener Werte aus? Wie viele Fehler gab es schon?

          Herr Shimizu solle in Kürze wieder die Verantwortung übernehmen, teilte Tepco mit. Der Vorsitzende der Atomaufsichtsbehörde verteidigte die vorübergehende Abwesenheit des Top-Managers damit, es sei normal, dass er nach Zeiten der Erschöpfung eine Pause gebraucht habe. Ein Unternehmenssprecher sagte, Shimizu sei überarbeitet gewesen. Herr Shimizu hat neben dem Posten des Tepco-Direktors auch den eines Leiters des Institutes für Unternehmenskommunikation inne. Viele wären gespannt, zu erfahren, was in diesem Institut gelehrt wird.

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