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Atomkatastrophe in Japan : Edano isst demonstrativ Erdbeeren

  • -Aktualisiert am

Japans Regierungssprecher Edano isst eine Tomate, die in Fukushima hergestellt wurde Bild: AFP

In Fukushima merken die Menschen, wie sich ihr Leben verändert hat. Eltern fürchten um ihre Kinder. Regierungssprecher Edano will dem entgegenwirken. Ein Besuch in der von der Katastrophe heimgesuchten Präfektur Fukushima.

          Das Dorf Oguni in der Präfektur Fukushima ist Japan wie aus dem Bilderbuch. Es liegt eingebettet in sanfte grüne Hügel und ist umgeben von Baumbushainen und Gärten mit blühenden Obstbäumen. Mitten im Idyll liegt die Dorfschule. Und auch die wäre ein angenehmer Ort, wenn da nicht am Rand des Schulhofes ein mit einer blauen Plastikplane abgedeckter zehn Meter langer und etwa zwei Meter hoher Haufen wäre, der die Dorfbewohner an die unsichtbare Bedrohung erinnert, der sie ausgesetzt sind.

          Unter der Plastikplane, die mit Steinen beschwert und mit Klebeband zusammengehalten wird, liegt radiokaktiv belastetes Erdreich, das vom Schulhof abgekratzt wurde.

          57 Kinder besuchen die Grundschule von Oguni. Lehrer und Eltern sind in großer Sorge um deren Wohlergehen. Oguni liegt 50 Kilometer nordwestlich vom beschädigten Kraftwerk Fukushima. „Nach dem Unfall habe ich mir gleich ein Messgerät zugelegt und gemessen, die Strahlungswerte waren sehr hoch“, berichtet Schuldirektor Yaginuma. Er wusste, dass die radioaktive Strahlung für Kinder besonders gefährlich ist. Als aber von der Regierung keine Anweisungen kamen, hat er nach Absprache mit den Eltern den Kindern lediglich verboten, draußen zu spielen.

          Edano in Schutzanzug 20 Kilometer entfernt vom havarierten Kernkraftwerk

          Anfang April hat endlich das Schulamt der Präfektur in allen Schulen die Strahlungswerte gemessen. Auf dem Schulhof von Oguni maß es in einer Höhe von 50 Zentimetern 5,6 Mikrosievert pro Stunde, in einer Höhe von einem Meter 5,2 Mikrosievert pro Stunde. Die Schule lag damit deutlich über dem von der Präfektur als Grenzwert angegebenen Wert für Schulen von 3,8 Mikrosievert pro Stunde, berichtet der Direktor. Insgesamt wurden auf den Höfen von 13 der 52 Schulen außerhalb der 30-Kilometer-Zone um das beschädigte Kernkraftwerk Werte über dem Limit gemessen.

          „Wir sind Lehrer, keine Strahlungsexperten“

          Schulleiter Yaginuma bat das Schulamt, etwas zu unternehmen, schließlich kamen vor einer Woche die Bagger nach Oguni. Sie nahmen die oberste Erdschicht ab und schoben das Material in eine Ecke. Aber zum großen Ärger des Schulleiters ließen sie dann das strahlende Erdreich einfach auf dem Hof liegen und deckten es nur mit Plastik ab. Die Behörden wüssten nun nicht, wohin damit, sagt Yaginuma. Natürlich könne man so den Schulhof noch immer nicht nutzen. Und als vor einigen Tagen kräftiger Wind wehte, riss die Plastikplane auf und das Erdreich lag offen. Arbeiter mussten kommen und es neu verkleben. Darüber schimpft Bauer Sato, der neben der Schule wohnt. Das könne doch nicht sicher sein.

          „Wir sind Lehrer, keine Strahlungsexperten,“ sagt Yaginuma. Er könne nur dem folgen, was die Regierung und das Schulamt sagen. Aber seit am vergangenen Wochenende der Strahlenschutzberater der japanischen Regierung, Professor Kosako, aus Protest gegen die seiner Meinung nach zu hoch angesetzten Grenzwerte der Regierung zurückgetreten ist, sei seine Sorge um die Sicherheit seiner Kinder noch einmal gestiegen. „Es war schockierend, den Professor weinen zu sehen, als er seinen Rücktritt ankündigte“, sagt Yaginuma.

          Seit fast acht Wochen sind die Reaktoren des Kernkraftwerks Fukushima Daiichi außer Kontrolle. Die Anwohner im Umkreis von 20 Kilometern und später noch einige weitere Regionen mussten ihre Wohnungen verlassen, doch die radioaktiven Teilchen, die aus dem Kernkraftwerk austreten, bedrohen auch den Rest der Präfektur. Nach den Explosionen im Kernkraftwerk im März trug der Wind die Radioaktivität auch nach Nordwesten, auch in die Präfekturhauptstadt Fukushima mit ihren 200.000 Einwohnern.

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