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Atomkatastrophe : Die Trauer der Familie Sato

  • -Aktualisiert am

Sie selbst sind in Sicherheit, aber sonst ist nichts geklärt im Leben von Familie Sato Bild: Fumiyo Asahi

Als die Fukushima-Opfer zu ihrem Haus zurückkehren, um persönliche Sachen zu holen, finden sie es vom Erdbeben zerstört und ausgeraubt vor. Die Strahlung ist hoch. Wohnen können sie hier nicht mehr.

          Am Tag des Erdbebens war Familie Sato aus Namie damit beschäftigt, das Richtfest für ihr neues Haus vorzubereiten. „Es war unser Traum, ein großes Haus, in dem wir alle sieben leben sollten“, sagt Frau Sato leise. Jetzt sind die Satos heimatlos. Ihr neues Haus werden sie nicht zu Ende bauen, und das alte müssen sie aufgeben, es liegt acht Kilometer entfernt vom Kernkraftwerk Fukushima Daiichi. Ein halbes Jahr nach der Katastrophe warten die Satos auf eine Regierungsentscheidung, damit ihr Leben wieder eine Zukunft bekommt. Nach dem Erdbeben waren die Satos vor dem Tsunami zu Verwandten in der Nähe geflohen. Als sie am nächsten Tag zurückkamen, sagte ihnen die Polizei, sie müssten Namie verlassen, „auf Anordnung des Ministerpräsidenten“. Die Polizisten trugen schon Schutzanzüge, doch den Satos und ihren Nachbarn wurde nichts von Strahlungsgefahr gesagt.

          Erst später erfuhren sie von dem Unfall im Kernkraftwerk. Tepco, der Kraftwerksbetreiber, hatte die Stadtverwaltung von Namie nach dem Ausfall der Kühlung im Kernkraftwerk nicht gewarnt, wissen die Satos heute. Seine Angestellten warnte Tepco aber wohl. Als die Satos die Stadt verließen, war der in der Nähe gelegene Wohnblock der Tepco-Angestellten schon leer.

          „Wir können nicht zurück“

          Für die Satos, Großeltern, Tochter, Sohn, Schwiegertochter und zwei Enkelkinder, begann eine zehntägige Irrfahrt. Zuerst suchten sie in einem nahe gelegenen Lager Zuflucht, das, wie sich später herausstellte, noch stärker mit Strahlung belastet war als ihr Heimatort. Dann reisten sie in die Präfekturhauptstadt Fukushima zu Verwandten, schließlich landeten die Großeltern mit ihrer 38 Jahre alten Tochter in Tokio im Haus von Verwandten, während der Sohn mit seiner Familie nach Sendai ging.

          Der 67 Jahre alte Herr Sato, ein pensionierter Postangestellter, der stolz darauf ist, Präsident des Amateurboxclubs seiner Stadt zu sein, war froh, dass seine Familie untergekommen war. Aber in Tokio war er von Informationen aus dem Heimatort abgeschnitten. Nur aus der Zeitung erfuhr die Familie, dass ehemalige Bewohner Namies im Juni erstmals gemeinsam für wenige Stunden in die Sperrzone fahren und in ihre Häuser und Wohnungen gehen konnten. Als Sato sich meldete, wurde er abgewiesen. Er sei nicht als Bewohner registriert.

          Es dauerte bis Ende August, bis die Familie endlich die Genehmigung bekam, in ihr Haus zurückzukehren. Wieder gab es keine Unterstützung durch die Behörden. „Es war ein großer Aufwand“, erzählt Tochter Sachiko. Sie mussten nach Fukushima fahren, ein Dosimeter abholen. Ein anderes Messgerät erhielten sie in einer anderen Stadt. Sie bekamen einen Zettel, auf dem stand, dass sie die notwendige Schutzkleidung selbst kaufen müssten.

          Mit der weißen Schutzausstattung meldeten sich Vater und Tochter am 26. August mit einem Passierschein am Kontrollpunkt und fuhren mit dem eigenen Auto in die Sperrzone. „Wir sahen nur herumstreunende Katzen und Hunde“, sagt Tochter Sato. Sie hatte Angst, ihr Dosimeter piepste bei einer Strahlung von über zwei Mikrosievert pro Stunde, und es piepste oft. An ihrem Haus angekommen, sahen die Satos, dass die Tür offenstand. Als sie das Haus betraten, fanden sie leere Becher von Instantnudeln und andere Abfälle. Herr Sato zeigt ein Foto: Die Schubladen waren aus den Kommoden gerissen, alles war auf dem Boden verstreut. In das Haus war eingebrochen worden.

          Alles hängt an der Entschädigung

          Die Satos waren schockiert. Bei ihrer ersten Rückkehr gleich nach dem Erdbeben hatten sie Wertsachen mitgenommen. In der Eile hatten sie aber vergessen, dass noch Bargeld in den Schubladen lag, Geldgeschenke für das Richtfest, an die 8000 Euro, die waren nun verschwunden. „Wir waren nicht die Einzigen, deren Haus ausgeraubt wurde“, sagt Herr Sato. Er weiß von anderen Bewohnern der Sperrzone, die bei ihrer Rückkehr feststellten, dass Einbrecher offenbar sogar längere Zeit in den verlassenen Häusern gelebt hatten. In der offiziellen japanischen Berichterstattung wird so etwas kaum erwähnt.

          Die Rückkehr sei traurig gewesen, sagt Herr Sato. Das Dach des Hauses war vom Erdbeben zerstört, es hatte hineingeregnet. Der Hof war überwuchert. In den vier Stunden, die sie zur Verfügung hatten, packten Vater und Tochter zwölf Kartons voller Sachen in ihr Auto. Am Haus maßen sie eine Strahlung von 7,9 Mikrosievert pro Stunde. „Wir können nicht zurück“, sagt Herr Sato unter Tränen. Die Familie hofft, dass die Regierung schnell entscheidet, was mit der Sperrzone geschehen soll. Sie solle ihr Land und Haus aufkaufen. Mit dem Geld könnten sie sich irgendwo im Norden etwas Neues kaufen. Die Satos wollen mit ihren Enkeln leben. Die dürfen wegen der Strahlung nicht zurück nach Fukushima. Aber alles hängt an der Entschädigung.

          Mit einer geringen Zahlung ruhigstellen

          Tepco hat der Familie bislang eine vorläufige Zahlung von umgerechnet insgesamt 12.000 Euro pro Person geleistet. Außerdem bekamen sie einmalig 3000 Euro aus Spendengeldern. Das sei viel zu wenig, sagt Herr Sato und zeigt ein kleines Notizbuch, in dem er sich die Ausgaben der vergangenen Monate notiert hat. Sato schätzt, dass sein Haus und Land in Namie mehr als 920.000 Euro wert sind.

          Jetzt, ein halbes Jahr nach der Katastrophe, haben die Satos noch nicht einmal die offiziellen Antragsformulare für die Tepco-Entschädigung bekommen. Sato fürchtet, dass Tepco versuchen könnte, alle Geschädigten mit der Zahlung eines kleinen Betrages erst einmal ruhigzustellen und dann später, wenn der erste Ärger verraucht ist, relativ billig abzufinden. Die Satos haben außerdem gehört, dass das Antragsprozedere sehr kompliziert sei. „Wenn die Regierung sagt, wir können in zwanzig Jahren zurück, heißt das, dass wir erst in zwanzig Jahren entschädigt werden?“, fragt Sato.

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