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Atomdebatte in Japan : Vom zähen Kampf gegen ein Tabu

  • -Aktualisiert am

Seltener Anblick: Kernkraftgegner bei einer Demonstration in Tokio Bild: dpa

Noch immer gibt es in Japan keine große Anti-Atomkraft-Bewegung. Kernkraftgegner haben es schwer: Das Land ist abhängig von den Meilern - Regierung, Gewerkschaften und Medien verhalten sich entsprechend.

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          Für Frau Tsukamoto begann das Engagement gegen Kernkraftwerke mit der Katastrophe von Tschernobyl. Sie lebte damals in der Nähe des Kernkraftwerk Hamaoko, das auf einer besonders erdbebengefährdeten Stelle der Küste errichtet worden war. Aus Sorge vor allem um ihre kleinen Kinder gründete sie eine Bürgerinitiative gegen das Kernkraftwerk mit. In Deutschland wäre das keine ungewöhnliche Geschichte, in Japan schon.

          Am Osterwochenende gab es in mehreren japanischen Städten Demonstrationen gegen Kernkraft zum Gedenken an den 25. Jahrestag von Tschernobyl und unter dem Eindruck der Bedrohung aus Fukushima. In Tokio gingen mehr als 4500 Menschen auf die Straße, in anderen Städten waren es mehrere hundert. In der Nähe des Kernkraftwerks Hamaoka, 200 Kilometer südlich von Tokio, demonstrierten 600 Menschen.

          Im Vergleich zu europäischen Ländern oder gar Deutschland sind die Demonstrationen klein. Selbst nach einem Unfall, der als ebenso gefährlich eingestuft wurde wie Tschernobyl, hat Japan noch keine große Anti-Atomkraft-Bewegung erfasst. In einem Land, das hochgradig erdbebengefährdet ist und dessen Kernkraftwerke alle an der Küste liegen und damit Tsunamis ausgesetzt sind, bleiben die Kernkraftgegner schwach und ihre Befürworter stark. Frau Tsukamotos Initiative hat nur 300 feste und zehn aktive Mitglieder. Doch fühlen sich die japanischen Kernkraftgegner vom Ausland unterschätzt.

          An besonders erdbebengefährdeter Stelle errichtet: das Atomkraftwerk Hamaoka
          An besonders erdbebengefährdeter Stelle errichtet: das Atomkraftwerk Hamaoka : Bild: dpa

          Japaner sagen nicht offen, was sie denken

          „Es stimmt nicht, dass es in Japan keine Bewegung gegen Atomkraft gibt“, sagt Philip White von dem Bürgerinformationszentrum zur Atomfragen CNIC in Tokio. Es gebe viele lokale Gruppen, die miteinander vernetzt seien. Sie seien aber kleiner als in anderen Staaten. Nur sehr wenige Aktivisten in der Anti-Atomkraft-Bewegung sprächen eine Fremdsprache und seien sich der internationalen Dimension bewusst. Deswegen sei die japanische Bewegung für das Ausland schwer zugänglich.

          Kernkraftgegner in Japan weisen darauf hin, dass es landesspezifische Gründe dafür gibt, dass ihre Gruppen nicht groß werden. „Die Japaner neigen nicht dazu, offen zu sagen, was sie denken oder gar ihre Meinung bei Demonstrationen laut zu äußern“, sagt Takeshi Sakagami von der Bürgerinitiative gegen das Kernkraftwerk Fukushima. Ein Hindernis für das Wachsen einer nationalen Bewegung gegen Kernkraft sei der Einfluss der Gewerkschaften auf Graswurzel-Bewegungen, sagt Sakagami. In Japan werden Bürgerbewegungen oft von den Gewerkschaften geführt. Große Demonstrationen werden meistens von Gewerkschaften organisiert. Doch die Gewerkschaften in Japan sind zum größten Teil für die Atomkraft.

          Das hat auch Auswirkungen auf die Politik. Der japanischen Gewerkschaftsbund Rengo ist ein wichtiger Unterstützer der regierenden Demokratischen Partei. Und Rengo ist für die Atomenergie. Teilweise seien die Gewerkschaften noch aktivere Unterstützer der Atomenergie als die Energiekonzerne selbst, sagt Sakagami. Als die Demokratische Partei 2009 an die Macht kam, machten sich die Aktivisten zunächst Hoffnungen auf eine Änderung der Atompolitik. Aber tatsächlich sei ihre Arbeit eher schwieriger geworden.

          Atomkraftwerke als wichtige Arbeitgeber in strukturschwachen Regionen

          Sakagami, der sich schon seit seiner Studentenzeit gegen Atomkraft engagiert, hat 1995 hat eine Initiative zur Abschaltung der alten Reaktoren in Fukushima gegründet. Er sagt, dass die Bewegung in Japan zwar klein und unauffällig, aber doch effektiv sei und kleine Siege errungen habe. Es sei der Bewegung zu verdanken, dass der Einsatz von Mox-Brennstoff (mit einem höheren Plutonium-Anteil) um zehn Jahre auf das Jahr 2010 hinausgeschoben wurde und dass zwei alte Reaktoren in Hamaoka stillgelegt wurden.

          Dass Betroffene sich nicht in größerem Ausmaß gegen Atomkraftwerke in ihrer Nachbarschaft engagieren, hat nach Meinung der Aktivisten vor allem wirtschaftliche Gründe. Die Atomkraftwerke in Japan wurden zu einem großen Teil in strukturschwachen Regionen gebaut. Von der örtlichen Bevölkerung, besonders aber von den örtlichen Verwaltungen werden sie als wichtige Arbeitgeber und Einnahmequellen gesehen.

          Nach Schätzungen der Hamaoka-Initiative hängen 60 Prozent der Arbeitsplätze in der Ortschaft Omaezaki, zu der das Kernkraftwerk gehört, vom Kraftwerk und dessen Zulieferern und Vertragspartnern ab. Sie zählen dabei nicht nur die Arbeitsstellen im Werk, sondern auch Stellen im Dienstleistungsgewerbe, in Hotels und Restaurants, die alle direkt oder indirekt von ihm abhängen.

          Eine japanische Übereinkunft

          Die Aktivisten sind auch unzufrieden mit der Berichterstattung der japanischen Medien. „Sie geben nur wieder, was die japanische Regierung und der Energiekonzern Tepco sagen“, kritisiert Frau Tsukamoto; die befragten Fachleute spielten die Gefahren herunter. Selten treten Vertreter der Bürgerinitiativen in den Fernsehprogrammen auf. Auch die Presse sei abhängig von den großen Energiekonzernen. Sie sei nach dem Unfall von Fukushima mehrmals von örtlichen Medien interviewt worden, doch seien die Interviews nicht veröffentlicht worden.

          Das CNIC bestätigt, dass die Kernkraftgegner wenig Einfluss auf die nationale Politik haben. Generell hätten alle japanische Bürgerbewegungen es schwer, sich gegen die Politik durchzusetzen, die von der Beamtenschaft bestimmt wird. Es gebe keine größere Grüne Partei in Japan, welche die Forderungen in die Politik tragen würde. Die einzige Partei, die sich konsequent gegen Atomenergie ausgesprochen hat, ist die kleine Sozialdemokratische Partei. Sie fordert jetzt die sofortige Abschaltung und Überprüfung aller Atomkraftwerke und eine Neubewertung der Energiepläne für die Zukunft.

          Es gibt in Japan eine Übereinkunft, dass Atomenergie absolut notwendig sei und dass die Atomenergie deswegen absolut sicher sei, sagt der ehemalige Gouverneur der Präfektur Fukushima, Eisaku Sato. Deswegen bleibe es ein Tabu, die Atomenergie und die Sicherheit der Atomkraftwerke in Frage zu stellen.

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