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75 Jahre nach Hiroshima : Schutz vor den Höllenmaschinen

Ein Bild der Zerstörung: Hiroshima nach dem Atombombenabwurf 1945 Bild: AP

Die atomwaffenfreie Welt wird ein Traum bleiben. Doch glaubwürdige Abschreckung kann ein nukleares Armageddon verhindern.

          3 Min.

          Seit vor 75 Jahren amerikanische Atombomben über Hiroshima und Nagasaki explodierten, lebt die Welt in der Angst, dass noch einmal ein Krieg mit den höllischsten aller Waffen geführt werden könnte. Die Arsenale reichen, um die Menschheit mehrfach auszulöschen. Selbst ein regional begrenzter Atomkrieg wie etwa zwischen Indien und Pakistan würde Abermillionen, vielleicht sogar Milliarden von Toten fordern, weil dem Feuer, das heller als tausend Sonnen brennt, ein nuklearer Winter folgte.

          Von einem atomaren Armageddon war die Welt nicht allein in der Kuba-Krise nur einen Knopfdruck entfernt. Die Zahl derer, die ihn drücken könnten, hat zugenommen. In den Kreis der Atommächte aufgestiegen sind Demokratien wie Israel, aber auch eine surreale Diktatur namens Nordkorea. Wenigstens konnte bisher verhindert werden, dass Terroristen in den Besitz der Bombe gelangten.

          Doch auch im nuklearen Establishment gibt es beunruhigende Entwicklungen. Zwischen Amerika und Russland ist ein neues Wettrüsten ausgebrochen, dem schon fast alle Abrüstungsverträge zum Opfer fielen, die jahrzehntelang Eckpfeiler einer nuklearen Ordnung waren. Putin schwang den Vorschlaghammer heimlich; Trump kam, wie es seine Art ist, gleich mit der Abrissbirne. Seine Äußerungen zu Fragen der Nuklearstrategie deuten nicht darauf hin, dass er diese komplexe Materie besser durchdrungen hätte als die Corona-Krise.

          Wäre die Welt also nicht sicherer, wenn es auf ihr keine Atomwaffen mehr gäbe? Deren Abschaffung hatte selbst der ehemalige amerikanische Präsident Obama zum Ziel erklärt, zuletzt in Hiroshima. Der Friedensnobelpreisträger glaubte allerdings nicht, dass dieser Traum noch zu seinen Lebzeiten wahr werden könnte. Auch seine Nachfahren sollten nicht damit rechnen. Die Bombe, die existentielle Bedrohung und Schutz in einem ist, wird bleiben.

          Mit einer Schweigeminute und einem Appell zur Abschaffung aller Atomwaffen haben die Menschen im japanischen Hiroshima der Opfer des Atombombenabwurfs vor 75 Jahren gedacht.
          Mit einer Schweigeminute und einem Appell zur Abschaffung aller Atomwaffen haben die Menschen im japanischen Hiroshima der Opfer des Atombombenabwurfs vor 75 Jahren gedacht. : Bild: dpa

          Wie könnte ein Staat, der sich dazu durchringt, auf Systeme zu verzichten, die ihm seiner Überzeugung nach Sicherheit, Macht und Prestige verschafften, darauf vertrauen, dass auch alle anderen Atommächte es ihm gleichtäten, und zwar für alle Zeiten und Präsidenten? Abrüstungsverträge und Verifikationsregime können – wie gesehen – umgangen, gebrochen oder schlicht gekündigt werden. Die Versuchung, sich in einer offiziell atomwaffenfreien Welt ein (heimliches) Atomwaffenarsenal anzulegen, wäre groß. Eine Handvoll Wasserstoffbomben reichte dann, um zum globalen Hegemon aufzusteigen.

          Selbst wenn das Wissen zum Bau der Bombe vergessen werden könnte, wäre mit ihr noch nicht der Krieg verschwunden. Die Erfindung der bislang schrecklichsten aller Waffen machte ihn nicht unmöglich, wie die vielen militärischen Auseinandersetzungen zeigen, die es seit Hiroshima gab. Der befürchtete dritte und letzte Weltkrieg zwischen dem von Amerika angeführten freien Westen und der Sowjetunion mit ihren Satelliten aber brach nicht aus, obwohl sich die antagonistischen Blöcke bis an die Zähne bewaffnet in Europa gegenüberstanden. Denn auch ein „nur“ mit konventionellen Waffen begonnener Angriff hätte zur „wechselseitigen gesicherten Vernichtung“ führen können. Dieses Risiko hielt selbst die „Falken“ auf beiden Seiten von militärischen Abenteuern unter Verwendung von Atomwaffen ab. Die Abschreckung funktionierte. Nur sie bietet Schutz vor den Höllenmaschinen.

          Wirksam abschrecken zu können muss daher immer noch und wieder oberstes Gebot europäischer Sicherheitspolitik sein. Der Kreml verfolgt auch im „nahen Ausland“ seine Ziele mit militärischer Gewalt. Er stationierte Nuklearwaffen, die westeuropäische Hauptstädte bedrohen. Die Glaubwürdigkeit der amerikanischen Zusage, den Atomschirm auch über den europäischen Mitgliedern der „obsoleten“ Nato aufzuspannen, hat unter Trump jedoch stark gelitten. Bliebe er im Amt und bei seiner Linie, dass „säumige Zahler“ sich selbst um ihre Sicherheit kümmern sollten, müsste Deutschland sich dazu nicht nur in Sonntagsreden bekennen, sondern auch danach handeln. Dann reichte es freilich nicht, mehr Freiwillige in die Kasernen zu locken. Dann müsste auch über die nuklearen Erfordernisse einer wirksamen Abschreckungsstrategie nachgedacht, debattiert und entschieden werden.

          Das wird die deutsche Politik aber auch am 80. Jahrestag von Hiroshima kaum tun wollen. So muss man auch in dieser Hinsicht darauf hoffen, dass die Präsidentschaft Trumps bald endet und der Nachfolger sich wieder eindeutig zum transatlantischen Bündnis und seinen Verpflichtungen bekennt. So bequem wie früher, als Amerika nicht zuletzt mit den Raketen in seinen Silos dafür sorgte, dass man hierzulande in Freiheit und Sicherheit für die Abschaffung der Atomwaffen demonstrieren konnte, wird es aber unter keinem amerikanischen Präsidenten mehr werden. Denn selbst die wieder gewachsene Bedrohung durch Moskau ist nicht mehr Amerikas erste Sorge. 75 Jahre nach Hiroshima werden die Vereinigten Staaten abermals im Pazifik herausgefordert, dieses Mal aber mit weit mehr als nur mit militärischen Mitteln.

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