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Staatsgründer der Türkei : Wie Atatürks Vermächtnis von Erdogan abgewickelt wird

Der türkische Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk etwa im Jahr 1930 Bild: Bilderberg

Dass die Hagia Sophia wieder in eine Moschee umgewandelt wird, ist auch ein Schlag gegen das säkulare Erbe der Türkei – und gegen deren Gründer. Das Datum des ersten Gebets in der ehemaligen Kirche hat Erdogan nicht zufällig gewählt.

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          Die neuerliche Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee ist verschiedentlich interpretiert und analysiert worden: als Schlag gegen Europa und das Christentum; als symbolischer Nachvollzug der Eroberung Konstantinopels durch Sultan Mehmet II.; als Zeichen der Stärke von Präsident Tayyip Erdogan oder als Zeichen seiner Schwäche. Was der Akt auch war: ein weiterer Schritt der Loslösung vom säkularen Charakter der Türkei – und von ihrem Gründervater, Atatürk.

          Christian Meier

          Redakteur in der Politik.

          Auf dessen Initiative hatte das Parlament 1934 beschlossen, den auf das 6. Jahrhundert zurückgehenden, seit 1453 als Moschee genutzten Kirchenbau zu einem Museum zu machen. Die Maßnahme passte perfekt zu Atatürks Programm, aus der Republik Türkei einen modernen, säkularen, westlich orientierten Staat zu machen. Mustafa Kemal, der damals noch nicht den Beinamen „Vater der Türken“ trug, hatte diese neue Türkei selbst aus den Ruinen des im Krieg geschlagenen Osmanischen Reichs geschaffen.

          Der 1881 in Saloniki geborene, reformistisch gesinnte Beamtensohn hatte eine militärische Laufbahn eingeschlagen und sich einen Namen als fähiger Kommandeur gemacht, etwa in der Schlacht von Gallipoli. Von 1919 an organisierte er die türkische Nationalbewegung und führte den Widerstand gegen die alliierten Besatzungstruppen in Anatolien an, vor allem die griechischen.

          Das Freitagsgebet in der Hagia Sophia am 24. Juli
          Das Freitagsgebet in der Hagia Sophia am 24. Juli : Bild: AFP

          Die Erfolge des sogenannten Befreiungskriegs führten am 24. Juli 1923 zum Vertrag von Lausanne, der den Diktatfrieden gegen die Osmanen des Vertrags von Sèvres revidierte. Seit einigen Jahren hat Erdogan diesen Friedensschluss, der die heutigen Grenzen der Türkei festlegte, wiederholt in Frage gestellt. Er sprach etwa von „unfairen Bestimmungen“, was die griechischen Inseln vor der kleinasiatischen Küste betrifft. Kaum zufälligerweise fand nun das erste Gebet in der Hagia Sophia am Jahrestag des Vertrags von Lausanne statt.

          Die Verehrung Atatürks in der Türkei ist immer noch groß, auch wenn Erdogan mittlerweile viele Maßnahmen zurückgedreht hat. Das betrifft vor allem die strikte Trennung zwischen Religion und Staat, die Atatürk – dem mit der Republikgründung 1923 praktisch unumschränkte Macht zuwuchs – durchsetzte. Er machte die Türkei zu einem der wenigen laizistischen Staaten auf der Welt und setzte „kemalistische“ Reformen durch, die das Leben vieler Menschen auf den Kopf stellten: Abschaffung von Sultanat und Kalifat, Einführung der lateinischen Schrift, Emanzipation der Frauen. Zugleich verfocht der Präsident einen enggefassten türkischen Nationalismus, unter dem vor allem die Kurden schwer zu leiden hatten. Am 10. November 1938 starb Atatürk, der viel Alkohol konsumierte, an den Folgen einer Leberzirrhose.

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