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Kritik an Impfstopp : Spahn verkündet, Macron gehorcht?

Emmanuel Macron am Montag bei einer Pressekonferenz mit dem spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez in Montauban Bild: AFP

Frankreichs Präsident steht in der Kritik, nachdem er mit Verweis auf Berlin die Astra-Zeneca-Impfungen überraschend ausgesetzt hat. Der Gesundheitsminister begründet die Kehrtwende mit dem Zwang zu „europäischer Koordination“.

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          Der französische Präsident Emmanuel Macron ist am Dienstag in Paris ins Kreuzfeuer der Kritik geraten, weil er dem Impfkurs des deutschen Gesundheitsministers Jens Spahn (CDU) blind gefolgt sei. Der Leiter des französischen Wissenschaftsrates für die Impfstrategie, der Mediziner Alain Fischer, übte Kritik an der Aussetzung von Astra-Zeneca.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          „Die Wirksamkeit des Impfstoffes war gründlich untersucht worden“, sagte Fischer im Fernsehsender BFM-TV. Die europäische Arzneimittelagentur EMA habe „nicht zu schnell“ über die Zulassung entschieden, es sei anders als in Großbritannien kein Notzulassungsverfahren gewesen. Fischer sagte, es gebe nur eine „ganz kleine Zahl atypischer Fälle von Nebenwirkungen in anderen Ländern als Frankreich“.

          „Gibt keinen Grund zur Aussetzung“

          Gesundheitsminister Olivier Véran plädierte am Dienstag dafür, die Impfkampagne mit Astra-Zeneca so schnell wie möglich wieder aufzunehmen. Er begründete die Aussetzung „mit den Vorkommnissen in Deutschland“. Der Gesundheitsminister wurde von Präsident Macrons Entscheidung überrascht. „Es gibt keinen Grund zur Aussetzung“, sagte Véran, als die ersten Thrombose-Fälle bekannt wurden. Nur bei 30 von fünf Millionen geimpften Europäern sei es zu Komplikationen gekommen. „Die Vorteile der Impfung sind größer als das Risiko“, sagte Véran. Jetzt begründete er die Kehrtwende mit dem Zwang zu „europäischer Koordination“.

          Wie die Zeitung „Libération“ berichtete, hat sich Macron von der Bundesregierung unter Handlungszwang gesetzt gesehen. Eigentlich sollten beim französisch-spanischen Gipfeltreffen in Montauban nur die Überlegungen zu einem EU-Gesundheitspass erörtert werden. Doch mit seiner Pressekonferenz um 16 Uhr setzte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) den französischen Präsidenten kurz vor dessen geplanten Presseauftritt an der Seite des spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez unter Druck. Nachdem die Feuerwehr- und Rettungskräfte in Südfrankreich bereits ihre Impfkampagne mit Astra-Zeneca ausgesetzt hatten, sah sich Macron nicht in der Lage, einen anderen Kurs als Deutschland einzuschlagen.

          Europaminister Clément Beaune erläuterte am Dienstag, dass die europäische Kohäsion im Vordergrund gestanden hätte. Er wies darauf hin, dass es besser gewesen wäre, wenn Dänemark und die Niederlande nicht im Alleingang vorgeprescht wären. Dänemark hatte am vergangenen Donnerstag als erstes EU-Land die Impfungen mit Astra-Zeneca ausgesetzt. Sánchez folgte in Montauban nicht sofort den Ankündigungen Macrons. Erst nach seiner Abreise aus Frankreich gab auch Spanien bekannt, den Astrazeneca-Impfstoff bis auf weiteres in den Kühlschränken zu lassen. Über den europäischen Dominoeffekt nach der deutschen Entscheidung wurde insbesondere in Frankreich heftig diskutiert.

          Der medizinische Direktor des Pariser Krankenhausverbundes APHP, Bruno Riou, äußerte Unverständnis darüber, dass der Präsident ohne Abstimmung mit den Verantwortlichen im Gesundheitswesen die Verwendung von Astra-Zeneca ausgesetzt habe. „Es ist, als würde man das Autofahren verbieten, weil sich ein Unfall ereignet hat“, sagte Riou im Radiosender France Inter. Angesichts der hohen Inzidenzzahlen insbesondere in der Hauptstadtregion sei es notwendig, die Impfkampagne zu beschleunigen. Im Großraum Paris mit einem Inzidenzwert von fast 400 auf 100.000 Einwohner ist die Lage „noch nicht außer Kontrolle, aber wird es bald sein“, warnte Riou. Deshalb sei es der schlechteste Zeitpunkt, das Vertrauen in die Impfkampagne zu zerstören.

          Der Informatik-Ingenieur Guillaume Rozier, dessen Covid-Tracker zur Referenz für die aktuelle Pandemie-Statistik in Frankreich geworden ist, errechnete einen Ausfall von zwei Millionen Impfungen in den nächsten zwei Wochen, sollte Astra-Zeneca nicht verimpft werden. Frankreichs Impfkampagne hat erst seit einer Woche an Fahrt aufgenommen.

          Präsident Macron hatte seine eigene Regierung mit der Ankündigung in Montauban überrascht. Er sprach von einer „Vorsichtsmaßnahme“, die in enger Abstimmung mit der deutschen Bundesregierung erfolgt sei. Am Vorabend hatte Premierminister Jean Castex noch betont, wie sicher der Impfstoff des schwedisch-britischen Herstellers sei und dass Bedenken zu Nebenwirkungen unberechtigt seien. „Deutschland entscheidet, Frankreich gehorcht“, beschwerte sich der Rechtspopulist Florian Philippot. „Wir müssen in voller Souveränität unsere französischen Interessen verteidigen.“

          Der Sprecher des Rassemblement National, Laurent Jacobelli, beklagte, dass Frankreich einen hohen Preis für den Verlust seiner Souveränität im Gesundheitswesen zahle. „Wir hängen vom Willen der Bundesregierung ab“, kritisierte Jacobelli im Fernsehsender LCI. Frankreich sei dazu degradiert, Deutschlands Kurs folgen zu müssen, beklagte der RN-Europaabgeordnete Jordan Bardella.

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