https://www.faz.net/-gpf-81t09

Assyrische Kirche : Leiden wie Christus

Karakosch: Ein Gottesdienst, bevor die irakische Stadt im August 2014 vom „Islamischen Staat“ erobert wurde. Karakosch ist heute eine Geisterstadt. Bild: FACELLY/SIPA

Einst hatte die assyrische Kirche Mesopotamiens eine größere Verbreitung als andere christliche Kirchen. Den langen Exodus beschleunigt nun der Terror des IS.

          Am Donnerstag vor Palmsonntag verstarb das Oberhaupt der Assyrischen Kirche des Ostens, Katholikos-Patriarch Mar Dinkha IV. Die Kirche, die ihre Blüte in Mesopotamien erlebt hatte, ist eine der drei großen Kirchentraditionen; sie hatte in der Frühzeit des Christentums von allen die größte Verbreitung. Zu Beginn der drei Traditionen stehen große Namen: Paulus, der Evangelist Markus und der Apostel Thomas. Paulus hatte seine Missionsreisen in Antiochien begonnen, sie führten ihn nach Kleinasien und bis nach Rom. Der Evangelist Markus brachte das Christentum nach Alexandrien und Nordafrika. Der Apostel Thomas hingegen reiste nach Osten, nach Mesopotamien und von dort weiter nach Indien, wo er im Jahr 72 den Märtyrertod starb.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Zwei dieser drei Kirchentraditionen hielten sich über zwei Jahrtausende. Bestand hat, was auf Paulus zurückgeht: Rom ist unverändert Sitz der katholischen Kirche. In der Nachfolge des Evangelisten Markus ist der koptische Papst weiter der Patriarch von Alexandrien, auch wenn er seinen Sitz nilaufwärts nach Kairo verlegt hat. Im Osten aber ging die Zahl der Christen immer weiter zurück, so dass sie heute vor dem Ende stehen.

          Christen verlassen den Irak

          Vor dem Islam hatten in Mesopotamien Juden, Christen und Zarathustrier gelebt. Christen bauten selbst in Nadschaf und Kerbela Kirchen, in zwei Städten, die in der Gegenwart den schiitischen Muslimen heilig sind. Die Diözesen der Kirche, die der Lehre des Theologen Nestor, der von 381 bis 451 lebte, verpflichtet ist, reichten entlang der Seidenstraße von Samarkand über Karakorum bis Peking, am Golf bis an die heutigen Staaten Qatar und Bahrein, auch im jemenitischen Sanaa ernannte die Kirche Bischöfe.

          Vor allem die Gemeinden im Süden Indiens gehen auf die Missionsreisen der Christen Mesopotamiens zurück. Dort leben heute 20 Millionen Christen; im Irak waren es 1987 noch 1,4 Millionen, nur ein Drittel ist geblieben. Und jeden Tag verlassen weitere Familien den Irak und ziehen dorthin, wo die große assyrische Kirche, deren Christen sich als Nachkommen des großen Assyrischen Reiches sehen, heute ihren Sitz hat.

          Immer wieder musste die einst große Assyrische Kirche des Ostens seit ihrer Gründung ihren Sitz verlegen, bedrängt durch politische Umwälzungen. In den ersten Jahrhunderten nach Christus residierte ihr Oberhaupt in Seleukia-Ktesiphon, der Hauptstadt der persischen Reiche der Parther und dann der Sassaniden. 775 zog es nach Bagdad, in die neugegründete Hauptstadt des arabisch-muslimischen Abbasidenreiches. Eine Odyssee setzte für die Mutterkirche in den Wirren des Ersten Weltkriegs ein. Der Katholikos residierte mal in Urmia, mal im Mossul, auf Zypern, schließlich in San Francisco und kurz in Teheran.

          Hatra: Das Weltkulturerbe, bevor der IS mit der Zerstörung durch Bulldozer und Sprengstoff begann.

          Katholikos-Patriarch Mar Dinkha IV., dessen Pontifikat in der Nachfolge des Apostels Thomas fast vier Jahrzehnte dauerte, verlegte den Sitz 1980 nach Chicago, wo er nun auch verstarb. In der Stadt am Michigansee leben heute fast 100000 Mitglieder der Assyrischen Kirche des Ostens, mehr als in jeder anderen Stadt – und der Exodus aus Mesopotamien, das christlich war, lange bevor das Christentum in Europa ankam, hält unvermindert an.

          Tikrit war einst bedeutendes spirituelles Zentrum

          Auch Spaltungen setzten der Kirche zu. Eine Linie, die sich heute die „Alte Assyrische Kirche des Ostens“ nennt, spaltete sich 1552 ab, nahm mal in Diyarbakir, mal in Urmia und schließlich 1672 in Qodshanis im schwer zugänglichen Bergland von Hakkari ihren Sitz. Als die Jungtürken die Armenier und Assyrer verfolgten, zerstörten sie 1915 auch diesen Ort, und die Alte Assyrische Kirche suchte Zuflucht in Bagdad. Seit 1683 besteht zudem die mit Rom unierte Chaldäische Kirche, auch ihr Patriarch Louis Raphael Sakko residiert in Bagdad.

          Weitere Themen

          Kinder statt Migranten Video-Seite öffnen

          Babyprämie in Ungarn : Kinder statt Migranten

          Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban hat den Familien im Land Geld und Kredite versprochen, wenn sie viele Kinder in die Welt setzen. Dies sei die richtige Antwort auf den Geburtenrückgang, nicht Migration, so hatte es der Politiker formuliert. Die Babyprämie ist umstritten.

          Topmeldungen

          Das Duo „S!sters“ gewinnt den deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest.

          Vorentscheid zum ESC : Zusammengecastet für Tel Aviv

          Mit „S!sters“ gewinnt ein Duo den deutschen Vorentscheid für den ESC, das weder sich selbst noch seine Musik gut kennt. Ob die Sängerinnen mit ihrem eher gewöhnlichen Song beim Finale in Israel punkten werden, ist fraglich.

          Resolution gegen Notstand : Trump droht mit Veto

          Vor einer Woche hatte Präsident Trump den Notstand ausgerufen, um die von ihm versprochene Mauer an der Grenze zu Mexiko bauen zu können. Die Demokraten wollen die Maßnahme nun im Kongress kippen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.