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Assads Vormarsch in Idlib : Geschichten der Ohnmacht

Ein türkischer Militärkonvoi inmitten von Fahrzeugen flüchtender Zivilisten im Norden der Provinz Idlib. Bild: AFP

Die syrischen Truppen rücken in Idlib ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung vor. Die Türkei hält mit Unterstützung für die Rebellen dagegen – aber nur, solange das Moskau nicht zu sehr verärgert.

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          Krieg oder Kälte – der Familienvater Ahmad Obeid stand erst vor wenigen Tagen vor der Wahl zwischen diesen mörderischen Übeln. Obeid, der sich selbst nur bei seinem Kampfnamen Adam nennt, stammt aus Atarib, einer kleinen Stadt westlich von Aleppo, nicht weit von der Grenze zur Türkei entfernt. Seit Tagen wird der Ort von russischen und syrischen Bombern angegriffen, die Truppen von Baschar al Assad erobern Dörfer in der Umgebung. Als der Angriff anrollte, ergriff Adam mit seiner Familie die Flucht. Ohne Matratzen und ohne Decken, wie er in einer Textnachricht schreibt. Fahrzeuge, die so etwas transportieren können, sind im Nordwesten Syriens inzwischen ein seltenes Gut.

          Christoph Ehrhardt
          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          „Drei Tage lang sind wir umhergeirrt, lebten auf der Straße“, schreibt Adam. Überall sei es voll gewesen, nirgendwo fanden er, seine Tochter und seine zwei Söhne ein Dach über dem Kopf. Also ging er zurück in seine vom Krieg bedrohte Heimatregion, wieder näher an die Front. Schließlich kann auch die Kälte den Tod bringen. Auch er weiß von den Toten, die im Schnee aufgefunden wurden, von den erfrorenen Kindern. „Wir leben ohne Hoffnung. Warten einfach darauf, dass etwas passiert.“

          Wann auch immer Vertriebene im Nordwesten Syriens in diesen Tagen über wacklige Verbindungen über ihre Lage berichten, sind es Geschichten von Leid, Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit. Etwa drei Millionen Zivilisten leben in der nordwestsyrischen Provinz Idlib, die im Zentrum von Assads Feldzug steht. Sie sind Geiseln der radikalen Islamistenallianz Hayat Tahrir al Scham, die über die Rebellengebiete herrscht.

          Etwa die Hälfte der Zivilisten stammt aus anderen Teilen Syriens. Diese Menschen sind entweder geflohen oder wurden im Zuge von Kapitulationsvereinbarungen nach Idlib deportiert. Viele sind nun ein weiteres Mal auf der Flucht. Laut UN-Angaben sind seit Dezember etwa 800.000 Menschen vertrieben worden. Abertausende harren bei Minusgraden in überfüllten Zeltlagern aus, die sich im Grenzgebiet zur Türkei drängen. „Die Leute fühlen sich verloren und wissen nicht, welche Sünde sie begangen haben, dass sie so grausam bestraft werden“, sagt Laith Ahmed, ein junger Mann aus der Stadt Saraqib, die das Regime kürzlich eroberte.

          Assads Truppen treiben Hunderttausende vor sich her

          Längst sind andere Orte an der Reihe. Das Regime in Damaskus setzt seine Offensive unerbittlich fort und erzielte jetzt auch wichtige Geländegewinne im westlichen Umland von Aleppo. Die Staatspresse feiert, wie mit massiver russischer Luftunterstützung und iranischer Hilfe am Boden Ort für Ort „befreit“ wird. Assads Truppen hinterlassen wie ein mittelalterlicher Heerzug verwüstete Landstriche, treiben Hunderttausende vor sich her – berüchtigte Brigaden wie die „Tiger-Kräfte“ an der Spitze. Deren Kommandeur Suhail al Hassan hat schon vor längerer Zeit deutlich gemacht, dass die Besiegten keine Gnade zu erwarten haben. „Ich befehle, auf dem Schlachtfeld die Kinder vor den Erwachsenen, die Frauen vor den Männern umzubringen“, tönte er. „Wir werden es keinem Terroristen mehr gestatten, unter uns zu leben.“ Syriens Machthaber Baschar al Assad selbst machte am Montag noch einmal deutlich, er gedenke „das ganze Land aus dem Griff der Terroristen zu befreien“.

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