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Syrische Rebellenbastion Idlib : Die Einschläge kommen wieder näher

Syrer auf der Flucht aus dem Süden in den Norden der Provinz Idlib am 27. Januar 2020. Bild: AP

Assad hat eine neue Offensive auf die letzte von den Aufständischen gehaltene Provinz gestartet. Hilfsorganisationen befürchten die größte Flüchtlingswelle seit dem Beginn des Krieges in Syrien.

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          Raeed Saleh berichtet über die Rauchsäulen in der Ferne, als wären sie Vorboten eines unausweichlichen Unheils. Wieder seien Dörfer vom Regime verwüstet worden, sagt der Funktionär des Zivilschutzes in der syrischen Provinz Idlib am Telefon. „Die Leute haben Angst, massakriert zu werden. Die Straßen sind überfüllt mit Familien auf der Flucht.“ Salehs dramatische Schilderungen decken sich mit denen von internationalen Hilfsorganisationen. Aus dem Kampfgebiet gelangen Bilder endlos erscheinender Konvois an die Öffentlichkeit: Kleinlaster, Pritschenwagen, Minibusse, Traktoren, die voll beladene Anhänger ziehen. Die Menschen fliehen vor den Truppen Baschar al Assads, die wieder auf dem Vormarsch sind. Sie müssen den Kämpfen ausweichen, die immer wieder Hauptstraßen abschneiden, außerdem müssen sie den widrigen Bedingungen des Winters trotzen.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Hunderttausende sind vertrieben worden, seit der Machthaber in Damaskus einen weiteren Feldzug im Nordwesten Syriens begonnen hat. Täglich gibt es heftige Luftangriffe. Russische und syrische Bomber greifen immer wieder zivile Infrastruktur an, was ebenso eindeutig dokumentiert ist wie der Einsatz geächteter Fassbomben, die aus Hubschraubern abgeworfen werden. Das Bombardement trifft Märkte oder Wohnviertel, regelmäßig auch Kliniken, die mit deutscher Unterstützung betrieben werden. Jetzt rückt das Regime an zwei Fronten vor: von Süden her und im westlichen Umland von Aleppo. Der regimenahe Sender Al Mayadeen meldete am Dienstag einen weiteren Erfolg: Die Stadt Maaret al Numan sei von Assad zurückerobert worden. Die Rauchsäulen, von denen der Zivilschutzfunktionär Raeed Saleh berichtet, stammten aus Dörfern in ihrem Umland.

          Pompeos Appell an die Kriegsmächte verhallte

          Assad hat immer wieder bekräftigt, dass er die letzte Rebellenbastion im Nordwesten des Landes mit militärischen Mitteln zurückerobern will. Dort haben sich kampfstarke Gegner eingebunkert. Idlib wird von der Allianz „Hayat Tahrir al Scham“ (HTS) beherrscht, einem Bündnis radikaler islamistischer Milizen, die nicht nur auf dem Schlachtfeld unerbittlich sind. Sie halten etwa drei Millionen Zivilisten in Geiselhaft, von denen viele schon aus anderen Gegenden Syriens nach Idlib geflohen oder im Zuge von Kapitulationsvereinbarungen dorthin verbracht worden waren. Die Leute sitzen in der Falle. Mit jedem Geländegewinn des Regimes, das Idlib scheibchenweise zurückerobert, schwindet ihr Rückzugsraum. Waffenstillstände oder Deeskalationsvereinbarungen haben der Zivilbevölkerung kaum Atempausen verschafft. Die jüngste Feuerpause war unter türkisch-russischer Regie Mitte des Monats vereinbart worden – und umgehend wieder Geschichte. Westliche Appelle verhallen für gewöhnlich folgenlos.

          Der amerikanische Außenminister Mike Pompeo verlangte am Montag ein Ende der „barbarischen Attacken“ durch „Russland, das iranische Regime, die Hizbullah und das Assad-Regime“, die einen Waffenstillstand verhinderten. Sie wurden am Dienstag fortgesetzt. Die Präsidenten Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan verfügen über wirkungsvollere Hebel, weil Moskau Assad unterstützt und Ankara Rebellenbrigaden in Idlib fördert. Beide haben laut der Einschätzung mit Syrien befasster Diplomaten allerdings nur begrenzten Willen, der Gewalt gemeinsam ein Ende zu setzen. Die Türkei sei ihren Selbstverpflichtungen, gegen die HTS-Islamisten vorzugehen, bislang allenfalls halbherzig nachgekommen, heißt es. Ähnlich halte es Russland mit seinen Zusagen, Assad zu mäßigen, der für seine Idlib-Kampagne außerdem auf Waffenhilfe aus Teheran zurückgreifen kann.

          Die Szenarien, die unter Diplomaten und anderen Beobachtern kursieren, sind wenig ermutigend. Eines der optimistischeren sieht die Chance, dass die Kämpfe sich dauerhafter beruhigen, sobald das Regime die Schnellstraßen M4 und M5 wieder unter seine Kontrolle gebracht hat. Dann bliebe den Assad-Gegnern noch ein winziger Rest der Provinz. Aber noch stehen die Zeichen auf Gewalt. Russische Bomber bieten dem Regime wichtige Luftunterstützung. Von syrischen Beobachtern mit guten Verbindungen in die Rebellengruppen in Idlib heißt es, die Türkei versorge die Aufständischen mit neuen Panzerabwehrwaffen, die über die Grenze geschafft würden.

          „Wir finden kaum noch Worte, um die Katastrophe zu beschreiben“

          Für die fliehenden Zivilisten bleibt diese allerdings geschlossen. Schon jetzt leben etwa 3,6 Millionen Syrer in der Türkei. Als Erdogan am Wochenende Bundeskanzlerin Angela Merkel empfing, wies er auf die etwa 400.000 Binnenvertriebenen hin, die auf syrischer Seite im Grenzgebiet ausharrten. Er erhielt die Zusage, Deutschland werde helfen, den Bau fester Notunterkünfte zu finanzieren.

          Der Druck auf die notleidenden Menschen – und damit auch der Druck auf die syrisch türkische-Grenze – dürfte trotz aller Hilfe zunehmen. „Die Situation im Nordwesten Syriens verschlechtert sich rapide“, warnt die Hilfsorganisation International Rescue Committee. „Wir schätzen, dass sich derzeit 800.000 Menschen in der Schusslinie befinden. Wenn diese Zahl von Leuten zur Flucht gezwungen wird, haben wir es mit der größten Vertreibung seit Beginn des Krieges vor neun Jahren zu tun.“ Laut UN-Angaben flohen allein zwischen dem 15. und dem 19. Januar etwa 38.000 Menschen aus dem Westen der Provinz Aleppo in Richtung Idlib.

          Dort ist die Lage schon längst unerträglich. Zivilschutzfunktionär Saleh klagt: „Wir finden nach all den Jahren kaum noch Worte, um die Katastrophe zu beschreiben.“ Dann versucht er es doch: Es gebe kaum Brot, kaum Möglichkeiten, zu heizen, die Leute wüssten nicht mehr, wohin. „Inzwischen geht schon den Olivenbäumen der Platz aus.“

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