https://www.faz.net/-gpf-9h0w5

Asowsches Meer : Die Angst vor einem Krieg

Darstellung im russischen Fernsehen

In Russland hatte es schon am Samstagabend Anzeichen gegeben, dass der lange schwelende Konflikt um das Asowsche Meer wieder wichtiger werden könnte. Außenminister Sergej Lawrow hatte sich während eines Besuchs in Rom ausführlich zu dem Thema geäußert, was im Nachhinein wie die Vorbereitung des Geschehens am Sonntag wirkt: Die Situation rund um das Binnenmeer werde als Vorwand genutzt, um „Druck auf Russland auszuüben“, sagte Lawrow. Russland sei „gezwungen“ gewesen, die Präsenz von Grenzschützern und Soldaten an der Meerenge von Kertsch zu verstärken, da „offizielle Vertreter der Ukraine mehrfach versprochen hätten“, die Brücke von Kertsch zur Krim – die Russland dort unter Missachtung internationalen Rechts gebaut hat – zu zerstören.

Entsprechende Äußerungen sind lediglich von einem Rada-Abgeordneten und einem stellvertretenden Minister bekannt, aber Lawrow beschwerte sich trotzdem, dass keine „klare Reaktion“ von Seiten des Westens gekommen sei. Am Sonntag tagsüber hielten sich Russlands Staatsmedien und Politiker mit der Kommentierung der Ereignisse am Asowschen Meer zurück, wie meistens, wenn noch keine offizielle Linie vorgegeben ist. Erst am Abend, mit der Ausstrahlung der einflussreichen Sendung „Nachrichten der Woche“, änderte sich das. Dort werden seit Wochen Schmähreportagen über Poroschenko gezeigt, bisher aber vor allem wegen der Spaltung innerhalb der orthodoxen Kirche, also des Wunsches der Ukraine, eine von Russland unabhängige Kirche aufzubauen, was Moskau verhindern will, aber nicht kann.

Ein solcher Beitrag wurde auch an diesem Sonntag gezeigt – aber erst, nachdem über die ukrainische „Provokation“ an der Meerenge von Kertsch berichtet worden war. Sie wurde – ebenso wie die Kirchenspaltung – als Versuch Poroschenkos dargestellt, seine schlechten Umfragewerte zu verbessern. Am Montag dann gingen die Zeichen in verschiedene Richtungen: Einerseits zeigte das Staatsfernsehen Bilder von Demonstranten vor der russischen Botschaft in Kiew, die in der Nacht auf Montag „Tod Russland“ riefen und ließ immer wieder verlauten, Poroschenko habe den Vorfall von Sonntag inszeniert, um den Kriegszustand ausrufen zu können und so seine Befugnisse auszuweiten.

Bekanntes Vorgehen

Andererseits wiesen selbst die schlimmsten Scharfmacher unter den Moderatoren darauf hin, dass sich die Lage am Asowschen Meer „Gott sei Dank“ beruhigt habe, die Meerenge von Kertsch für den Schiffsverkehr geöffnet sei und die drei ukrainischen Matrosen mit lediglich „leichten Verletzungen“ ins städtische Krankenhaus von Kertsch auf der Krim eingeliefert worden seien. Dass Poroschenko die Freilassung der Matrosen forderte, sie demnach als Gefangene Russlands sieht, kam nicht zur Sprache.

Die unversehrten Matrosen wurden am Montag in Kertsch vom russischen Geheimdienst FSB befragt – gegen die Besatzung, deren Schiffe im Hafen von Kertsch von russischen Ermittlern untersucht wurden, wird nun wegen „unerlaubten Grenzübertritts“ ermittelt. Dieser Vorwurf wurde am Montag immer wieder geäußert, so etwa von Außenminister Lawrow: Kiew habe „internationales Recht“ gebrochen, sagte er. So sollen die drei ukrainischen Schiffe auf ihrem Weg von Odessa zur Meerenge von Kertsch keine Erlaubnis angefordert haben, bevor sie in die Zwölf-Meilen-Zone vor der Küste der Krim eingedrungen seien, die Russland – wie die Krim selbst – als sein Territorium ansieht.

Weitere Themen

Teurere Flugtickets – fürs Klima?

F.A.Z.-Sprinter : Teurere Flugtickets – fürs Klima?

Die Bundesregierung berät über Klimaschutzmaßnahmen, die EU-Innenminister streiten über die Flüchtlingsverteilung – und in Königswinter beginnt der Petersburger Dialog. Was heute sonst noch wichtig wird, steht im F.A.Z.-Sprinter.

„Es sollte um die Sache gehen“ Video-Seite öffnen

Rackete in Italien : „Es sollte um die Sache gehen“

Sie habe den italienischen Behörden alle Details zu der Rettungsaktion genannt, die die Sea-Watch 3 am 12. Juni durchgeführt habe, sagte die Kapitänin Carola Rackete nach der Befragung durch die italienischen Beamten.

Topmeldungen

Boris Johnson am Mittwoch in London

Parlament gegen Johnson : Aufstand gegen den No-Deal-Brexit

Noch ist Boris Johnson nicht Premierminister. Aber er spielt schon öffentlich mit dem Gedanken an einen Austritt ohne Abkommen. Jetzt reagiert das Parlament – und macht ihm eine solche Lösung durch einen Trick schwerer.

Verhör von Carola Rackete : „Es sollte um die Sache gehen“

Die „Sea-Watch“-Kapitänin kritisiert nach ihrer Anhörung den Rummel um ihre Person. Der lenke vom eigentlichen Problem ab: dem Umgang mit den Migranten im Mittelmeer. Doch Racketes Äußerungen zur Seenotrettung sind in Italien umstritten.
Ein Polizist mit Sprengstoffspürhund macht sich am Donnerstag auf den Weg zur Wohnung eines mutmaßlichen Gefährders.

Razzia im Morgengrauen : Kölner Polizei setzt Islamisten fest

Womöglich hat die Kölner Polizei mit ihrer Razzia einen islamistischen Anschlag verhindert. Einer der Männer plante nach eigenen Worten „den Aufstieg in die höchste Stufe des muslimischen Glaubens“. Die Ergebnisse der Durchsuchungen geben Anlass zu erhöhter Vorsicht.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.