https://www.faz.net/-gq5-8bt27

Ehemalige Zwangsprostituierte : Späte Genugtuung für die geschändeten Frauen

Langer Kampf um Gerechtigkeit: Ehemalige „Trostfrauen“ auf einer Pressekonferenz am Montag in Gwangju Bild: Reuters

Tokio hat sich erstmals öffentlich bei den koreanischen Zwangsprostituierten in japanischen Kriegsbordellen entschuldigt. Umgerechnet 7,6 Millionen Euro fließen an eine koreanische Stiftung. Von einer wirklichen Aussöhnung kann jedoch noch nicht die Rede sein.

          Die Außenminister verbreiteten großen Optimismus. „Endgültig und unwiderruflich“ hätten sie ein Problem gelöst, das die Beziehungen zwischen Südkorea und der ehemaligen Kolonialmacht Japan seit Jahrzehnten schwer belastete. Der japanische Außenminister Fumio Kishida trug in Seoul eine persönliche Entschuldigung von Ministerpräsident Shinzo Abe an die Frauen vor, die während des Zweiten Weltkriegs von der japanischen Armee in Frontbordellen als Zwangsprostituierte festgehalten worden waren.

          Peter Sturm

          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

          Für die in Japan beschönigend „Trostfrauen“ genannten Opfer – in Korea leben heute noch 46 von ihnen – zahlt Tokio aus staatlichen Mitteln umgerechnet 7,6 Millionen Euro an eine von der koreanischen Seite zu gründende Stiftung. Diese solle, sagte der südkoreanische Außenminister Yun Byung-se, Projekte finanzieren, „um die Ehre und Würde der Frauen wiederherzustellen und die Wunden auf ihren Seelen zu heilen“. Südkorea und Japan verpflichten sich, künftig auf internationaler Ebene, zum Beispiel bei den Vereinten Nationen, auf wechselseitige Vorwürfe zu diesem Thema zu verzichten.

          Für Südkorea besonders wichtig bei dieser Vereinbarung ist zum einen die persönliche Entschuldigung Shinzo Abes sowie zum anderen die Zahlung aus dem Staatshaushalt an die Stiftung. Letzteres, so die südkoreanische Lesart, bedeute, dass der japanische Staat zum ersten Mal ausdrücklich die Verantwortung für die Missetaten der Armee während des Krieges übernehme. Schon 1995 hatte Japan einen Entschädigungsfonds für Opfer aus Korea und anderen asiatischen Staaten eingerichtet. Das Geld kam damals allerdings aus privaten Quellen, was in Korea immer als Versuch Japans verstanden wurde, sich als Staat aus der historischen Verantwortung zu stehlen.

          Die Übereinkunft ist offenbar so gefasst, dass sie in dieser Frage jeder Seite Raum für Interpretationen lässt. In Japan wird hervorgehoben, dass es sich bei den Millionen nicht um Reparationen, sondern um eine aus humanitären Gründen geleistete Zahlung handele. Damit könnte Abe die nationalistische Rechte im Land befrieden, die ihm seine Entschuldigung sicher persönlich übelnehmen wird, obwohl er diese – was wiederum nur in Japan erwähnt wird – ausdrücklich nur „als Ministerpräsident“ abgab.

          Symbol der Unterdrückung

          Wie Abe, der durchaus als überzeugter Nationalist gelten darf, die Dinge persönlich sieht, ist nicht bekannt. Seine offizielle Position bekräftigte Abe am Abend in einem Telefonat mit der südkoreanischen Präsidentin Park Geun-hye. Ein Treffen beider am 2. November hatte den Weg für die Vereinbarung vom Montag geebnet. Park hatte auf eine Lösung für das „Trostfrauen“-Problem bis Jahresende gedrungen. 2015 hätte eigentlich ein Jubiläumsjahr sein sollen. Die beiden großen Demokratien in Nordostasien hatten nämlich vor 50 Jahren normale diplomatische Beziehungen aufgenommen.

          Mit dem 1965 geschlossenen Abkommen, so die japanische Lesart bis jetzt, seien alle wechselseitigen Ansprüche abgegolten. Südkorea hatte sich gegen diese Interpretation stets gewehrt und argumentiert, die Versklavung von Frauen sei ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das nicht durch eine allgemeine Übereinkunft zweier Staaten aus der Welt geschafft werden könne.

          Weitere Themen

          Steigender Unmut, verschärfte Töne

          Nordkorea : Steigender Unmut, verschärfte Töne

          Beschlagnahmter Frachter, verstopfte Kommunikationskanäle: Monate nach dem gescheiterten Gipfel in Hanoi steht es nicht gut um den politischen Friedensprozess auf der koreanischen Halbinsel. Auf der Sachebene aber gibt es Hoffnung.

          Ziemiak äußert sich zu Rezo-Video Video-Seite öffnen

          „Er hat einen Punkt getroffen“ : Ziemiak äußert sich zu Rezo-Video

          Nach dem millionenfach angeklickten Youtube-Video mit harschen Attacken auf die CDU lädt die Partei Urheber Rezo zum Gespräch. Im Dialog mit dem Youtuber sei ihm wichtig, wie junge Menschen für Politik begeistert werden könnten, sagte CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak in Berlin.

          Briten und Niederländer wählen schon Video-Seite öffnen

          Europawahl-Marathon beginnt : Briten und Niederländer wählen schon

          Drei Tage vor den meisten anderen EU-Bürgern gehen Briten und Niederländer an die Urnen, um ihre künftigen Abgeordneten im Europaparlament zu wählen. In beiden Ländern dürften rechtspopulistische Parteien stark zulegen.

          Topmeldungen

          „Die Zerstörung der CDU“ : Das Rezo-Video im Faktencheck

          Klima, Wohlstand, Krieg und Protestkultur: Eine zornige Abrechnung wird zum Internethit. Was hält einer genaueren Betrachtung stand? Eine kritische Perspektive auf die vier zentralen Themen.

          Vor der Europawahl : Wie die polnische Jugend Frühlingsgefühle entwickelt

          Die neue linksliberale Partei „Wiosna“ (Frühling) des populären Politikers Robert Biedron mischt die politische Landschaft in Polen auf. Die Anhänger sind jung, nennen ihren Parteivorsitzenden „Robert“ und drängen auf einen Wandel in Polen – und Europa.
          Eine Frau wirft in Erfurt einen Brief wird in einen Briefkasten der Deutschen Post AG.

          FAZ Plus Artikel: F.A.Z. exklusiv : Das Briefporto steigt von 70 auf 80 Cent

          Jetzt ist es raus: Der Standardbrief kostet künftig 10 Cent mehr. Auch alle anderen Briefarten werden deutlich teurer – die Postkarte sogar um ein Drittel. Nur ihre Großkunden verschont die Post zunächst.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.