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Wahlkampf in Indien : Die langen Schatten der Vergangenheit

  • -Aktualisiert am

Siegesgewiss: Der Spitzenkandidat der BJP, Narendra Modi, bei einer Wahlkampfveranstaltung Ende September in Delhi Bild: AFP

Der Hindu-Nationalist Narendra Modi will Indiens nächster Ministerpräsident werden. Er präsentiert sich als Macher und moderner Verwalter – doch viele Inder haben noch nicht vergessen, dass der Bundesstaat Gujarat unter seiner Führung von blutigen Unruhen erschüttert wurde.

          Die Straßen rund um den Kankariasee sind bemerkenswert gut ausgebaut. Kaum ein Schlagloch durchbricht den grauen Asphalt. Der sonst in Indien allgegenwärtige Müll am Straßenrand ist weggefegt. Rechts und links der Uferwege blühen rote und gelbe Blumen. Das Gras dazwischen ist sorgfältig geschnitten. Auf einem weißen Motorboot steht Anil und schwärmt von den Vorzügen seiner Heimatstadt Ahmedabad. „Wir haben hier die längste innerstädtische Laufstrecke, das größte Sandsteinrelief, die größte Freiluftbühne, die höchste Wasserfontäne samt Lichtshow und passender Musik.“ Die Superlative sprudeln nur so aus ihm heraus. Der 35 Jahre alte Inder kommt häufig mit seiner Familie hierher zum Kankariasee im Herzen Ahmedabads, der größten Stadt im indischen Bundesstaat Gujarat. Während er mit dem Motorboot über das Wasser rast, spielen seine Söhne im Kinderpark am Ufer. „Dort lernen die Kleinen, wie man Eiscreme herstellt, wie die Feuerwehr arbeitet, und das Beste ist, sie können ein Interview mit NaMo führen.“

          NaMo ist die Abkürzung für Narendra Modi, den Ministerpräsidenten Gujarats, in dessen Wahlkreis das beschauliche Idyll des Kankariasees liegt. Modi ist zugleich Spitzenkandidat der größten indischen Oppositionspartei Bharatiya Janata Party (BJP) für die im Frühjahr 2014 anstehenden Wahlen. Viele Inder sehen in ihm den kommenden starken Mann des Landes. Seit 2001 hat Modi in Gujarat dreimal die Wahlen gewonnen, zuletzt mit fast 49 Prozent der Stimmen. Der 63 Jahre alte Politiker gibt den zupackenden Führer, der es als Einziger vermag, Indien aus der aktuellen Wirtschaftskrise zu führen und der grassierenden Korruption ein Ende zu bereiten. Zuletzt bestimmte er fast nach Belieben die Schlagzeilen der indischen Medien. Vor allem bei jungen Indern kommt Modi gut an. Sie sehen in ihm einen „Selfmademan“, der sich aus eigener Kraft aus armen Verhältnissen zum Spitzenpolitiker hochgearbeitet hat. Im Wahlkampf verweist Modi gern auf seine Bilanz als Ministerpräsident, Gujarat preist er als Blaupause für ganz Indien an.

          Vom Wahlkampf geblendet

          Beim Wirtschaftswachstum hat Gujarat die meisten anderen Bundesstaaten deutlich abgehängt: Zwischen 2005 und 2012 wuchs die lokale Wirtschaft um 10,1 Prozent. Große nationale und internationale Unternehmen drängen hierher. In Gujarat seien Bürokratie und Korruption weniger ausgeprägt als in anderen Teilen Indiens, sagen viele Manager, die in Indien nach wie vor einen wichtigen Absatzmarkt sehen. In der Rangliste des Magazins „Forbes“ der am schnellsten wachsenden Städte der Welt belegte Ahmedabad 2010 den dritten Platz, knapp hinter den chinesischen Metropolen Chengdu und Chongqing. Das „Indian Market Research Bureau“ kam 2011 zu dem Ergebnis, die Großstadt biete die beste Lebensqualität in Indien.

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