https://www.faz.net/-gq5-7o8le

Parlamentswahl in Indonesien : Ein Sieg der Vielfalt

Unterm Kreuz: Eine Indonesierin wählt in einem katholischen Krankenhaus Bild: REUTERS

Konservativ-islamische Parteien schneiden bei der Parlamentswahl in Indonesien schlecht ab. Die Siegerpartei ist auch bei Christen und Chinesen beliebt.

          In Indonesien steht ein politischer Wechsel bevor. Nach inoffiziellen Prognosen wird die „Demokratische Partei des Kampfes“ (PDI-P) stärkste Kraft im Parlament. Sie hat bei den Parlamentswahlen am Mittwoch von der Popularität des Gouverneurs der Metropolregion Jakarta, Joko Widodo („Jokowi“), profitiert, der in drei Monaten als Kandidat der PDI-P bei den Präsidentenwahlen kandidiert. Er gilt als unbestechlich und als Mann des Volkes. Der „Jokowi-Effekt“ schien sich aber nicht ganz so erdrutschartig auszuwirken wie vorhergesagt. So kam die PDI-P den Prognosen des Analyseinstituts CSIS zufolge auf weniger als 20 Prozent der Stimmen. Auf dem zweiten Platz folgte die frühere Partei des damaligen Machthabers Suharto, Golkar, mit mehr als 14 Prozent. Gefolgt von Gerindra, der Partei des Suharto-Schwiegersohns Prabowo Subianto mit 12 Prozent.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Einer der großen Wahlverlierer ist die „Demokratische Partei“ des amtierenden Präsidenten Susilo Bambang Yudhoyono, die knapp unter zehn Prozent blieb. Yudhoyono war in der vergangenen Legislaturperiode als politisch zu zurückhaltend wahrgenommen worden. Da er schon zwei Amtszeiten hinter sich hat, darf er bei den Präsidentenwahlen im Juli nicht wieder antreten. Zu den Verlierern gehören aber auch die Parteien, die eine explizit religiöse Ausrichtung haben. Die explizit islamische PKS, die im vergangenen Jahr in einen Korruptionsskandal verwickelt war, kommt in dem Staat mit der größten muslimischen Bevölkerung der Welt nur auf sieben Prozent.

          Die Menschen seien nicht mehr so enthusiastisch und sogar enttäuscht von den islamischen Parteien, sagte die politische Analystin Siti Zuhro vor kurzem in Singapur. Bei den ersten demokratischen Wahlen im Jahr 1999 hatten sie zusammen noch mehr als 36 Prozent der Stimmen erreicht. Zehn Jahre später waren es noch knapp 25 Prozent. Der Abwärtstrend scheint sich nun fortzusetzen. Die siegreiche PDI-P, die von Megawati Sukarnoputri, der Tochter des Staatsgründers Sukarno angeführt wird, steht dagegen für eine säkulare und pluralistische Ausrichtung. Von ihr fühlen sich auch Angehörige der chinesischstämmigen Minderheit und der Christen repräsentiert.

          Macht und Bereicherung

          Beobachter sehen in dem Ergebnis ein Zeichen dafür, dass zwar der gesellschaftliche Trend zu einer konservativen Auslegung des Islams anhält, sich dies aber nicht ebenso stark oder sogar immer weniger stark politisch äußert. „Besonders junge Leute finden, Religion sei eine private Sache“, sagte Bambang Harymurti, der Chefredakteur der Zeitschrift „Tempo“ dieser Zeitung. Zwar habe etwa die Zahl der jungen Frauen, die den „Hijab“, das traditionelle Kopftuch tragen, seit einigen Jahren zugenommen. Aber viele dieser Frauen zögen auch enge Jeans an und gingen in die Disko. Sie wollten einem Islam folgen, der sich ihrem modernen Leben anpasst. Auch die populärsten Prediger im Fernsehen seien eher gemäßigt.

          „Ich denke, die konservativen Gelehrten verlieren an Einfluss“, sagte Harymurti. Allerdings seien sie sehr laut. Immer wieder verschafft sich etwa die „Islamische Verteidigungsfront“ (FPI) Gehör, die gegen Schönheitswettbewerbe und Lady-Gaga-Konzerte auf die Straße geht sowie ein Alkoholverbot fordert. Auch die eigentlich säkularen Parteien versuchten in der Vergangenheit teilweise, mit religiösen Inhalten Stimmen zu fangen. Für die islamische PKS, die eigentlich religiöse Werte hochhalten will, sei es besonders rufschädigend gewesen, dass sie in einen Skandal aus Korruption und Sex verwickelt war.

          Dabei durchzieht das Problem der Bestechlichkeit das gesamte Parlament. „Die Parteien sind nur dazu da, sich persönlich zu bereichern und Macht zu verschaffen, nicht für politische Programme“, sagt Harymurti. Man wähle deshalb denjenigen, den man für am wenigsten korrupt halte, so der Chefredakteur. Derzeit ist das der Präsidentschaftskandidat Joko Widodo.

          Weitere Themen

          Feministinnen aller muslimischen Länder, vereinigt euch!

          Wachsende Bewegung : Feministinnen aller muslimischen Länder, vereinigt euch!

          Gewalt gegen Frauen ist eine globale Seuche. In muslimischen Ländern wird fast jede dritte Frau von ihrem Mann misshandelt. Unterdrückt werden sie nicht vom Islam – sondern vom patriarchalen System. Dagegen begehren immer mehr auf. Gastbeitrag einer Bloggerin.

          Topmeldungen

          Der Charging Bull, eine Bronzestatue im Financial District in Manhattan, New York.

          Amerikas Wirtschaft : Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen?

          Amerikas Manager-Elite gibt sich neue Prinzipien: Sie will Aktionäre nicht mehr über alles andere stellen. Ihre eigene Vergütung dagegen ist bisher kein Thema.

          Klimaaktivistin : Das Team hinter Greta

          Vor einem Jahr hat die schwedische Teenagerin Greta Thunberg ihre Schulstreiks begonnen. Heute ist sie weltberühmt und segelt über den Atlantik. Wir zeigen die Leute hinter ihr.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.