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Wahl in Afghanistan : „Wir haben nicht so viele Menschen erwartet“

Ausgeharrt in strömendem Regen: Wählerinnen in Kabul Bild: Reuters

Deutlich mehr Wähler als erwartet haben sich an der Präsidentenwahl in Afghanistan beteiligt. In vielen Wahllokalen gingen zeitweise die Stimmzettel aus. Schlechte Planung oder Manipulation?

          3 Min.

          Bei der Präsidentenwahl in Afghanistan haben am Samstag Millionen Wähler den Drohungen der Taliban getrotzt. Seit dem frühen Morgen bildeten sich in den meisten Städten trotz Anschlagsdrohungen lange Schlangen vor den Wahllokalen. Viele Bürger harrten stundenlang im strömenden Regen aus, um ihre Stimme abzugeben und einen Nachfolger von Präsident Hamid Karzai zu wählen, der laut Verfassung nicht wieder antreten konnte. Ein erfolgreicher Wahlgang wäre der erste friedliche, demokratische Machtwechsel in der Geschichte des Landes. Karzai hat die Abstimmung daher als „historisch“ bezeichnet.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Die hohe Wahlbeteiligung hat die Behörden offenbar überrascht. An vielen Orten gingen im Laufe des Tages die Stimmzettel aus, wie der Chef der Wahlkommission (IEC), Ahmad Yousaf Nuristani, bestätigte. „Wir haben nicht so viele Menschen erwartet“, sagte er. Sprecher mehrerer Kandidaten äußerten aber den Verdacht, dass durch den Mangel an Stimmzetteln in ihren Hochburgen das Abstimmungsergebnis zu ihren Ungunsten manipuliert werden sollte.

          „Neue Form der Unregelmäßigkeit“

          „Dies ist eine neue Form der Unregelmäßigkeit“, sagte ein lokaler Wahlkampfmanager des Präsidentschaftskandidaten Abdullah Abdullah. Eine Abgeordnete aus der unsicheren Provinz Ghazni sagte: „Das Hauptproblem heute ist nicht die fehlende Sicherheit, sondern fehlende Stimmzettel.“ Noch am Nachmittag teilte die Wahlkommission mit, sie werde zusätzliche Unterlagen verteilen und die Schließung der Lokale verschieben. Jeder Wähler solle seine Stimme abgeben können, Wartende würden auch nach Schließung der Wahllokale noch berücksichtigt.

          Stimmenabgabe in einem Wahllokal in Kabul Bilderstrecke

          In vielen ländlichen, unsicheren Gegenden blieben Wähler dagegen aus Angst vor Gewalt zuhause. Die Taliban hatten vielerorts in der Nacht noch einmal Drohbriefe mit Todeswarnungen verteilt. Augenzeugen berichteten etwa aus der Provinz Wardak unmittelbar südlich der Hauptstadt Kabul von menschenleeren Wahllokalen. Bei den vorherigen Präsidentschaftswahlen 2009 waren solche „Geisterwahllokale“ bevorzugte Orte für Wahlbetrug, indem Mitarbeiter der dortigen Wahlbehörde oder lokale Machthaber stapelweise selbst ausgefüllte Stimmzettel in die Urnen stopften. Mehr als eine Million und damit rund ein Viertel aller ursprünglich gezählten Stimmen wurden damals im Nachhinein für ungültig erklärt.

          Viele Manipulationsversuche

          Auch an diesem Samstag gab es wieder zahlreiche Hinweise auf versuchte Wahlmanipulation. So teilte das Innenministerium mit, der lokale Geheimdienstchef eines Distrikts der Provinz Wardak sowie ein Polizist seien wegen des Verdachts verhaftet worden, fünf Urnen mit falschen Stimmzetteln gefüllt zu haben.

          Die Wahl fand unter einem massiven Aufgebot von 350.000 afghanischen Sicherheitskräften statt, während die Soldaten der internationalen Isaf-Truppe sich im Hintergrund hielten und lediglich Flugunterstützung gegen schwere Angriffe und zum Abtransport von Verletzten bereithielten. Die Straßen nach Kabul waren bereits seit Donnerstag gesperrt, der Flugverkehr wurde weitgehend eingestellt, Schulen und Universitäten blieben geschlossen. Die Taliban hatten gedroht, die Wahl mit Gewalt massiv zu behindern. Fast 1000 der mehr als 6000 Wahllokale blieben aufgrund von Sicherheitsbedenken am Samstag geschlossen.

          Verräterische blaue Finger

          Bis zum Nachmittag gab es aber nur vereinzelte Berichte von Anschlägen. So wurden in der Provinz Logar südlich von Kabul vier Personen bei der Explosion einer Bombe in einem Wahllokal verletzt. Aus manchen Landesteilen wurden Kämpfe zwischen Aufständischen und Sicherheitskräften gemeldet. Während sich in ländlichen Regionen viele Wähler weigerten, ihren Finger mit blauer Farbe markieren zu lassen, um eine spätere Bestrafung durch die Taliban zu vermeiden, zeigten viele städtische Wähler ihre blauen Finger stolz vor den Kameras lokaler und internationaler Medien.

          Kurz nach Mittag hatten nach Angaben der Wahlkommission knapp vier der auf rund 13 Millionen geschätzten Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben. Allerdings waren im Laufe der Jahre mehr als 21 Millionen Wählerkarten ausgegeben worden, was Wahlbetrug und den Verkauf von Stimmen begünstigt. 

          Vorläufige Ergebnisse werden erst in drei Wochen erwartet, da zunächst Wahlbetrugsvorwürfe geprüft werden müssen. Siegchancen werden den ehemaligen Außenministern Zalmai Rassoul und Abdullah Abdullah sowie dem ehemaligen Finanzminister Ashraf Ghani Ahmadzai zugesprochen. Allerdings wird erwartet, dass keiner der Kandidaten im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit erreicht. Eine mögliche Stichwahl ist für den 28. Mai angesetzt.

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