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50 Jahre Singapur : Oase der Ordnung

Doch die Berufung auf „asiatische Werte“ war für Lee Kuan Yew und andere Autokraten in der Region auch eine Strategie, um westliche Kritik an ihrem Führungssystem abzuwehren. Sie besagt, dass in asiatischen Gesellschaften der Pflicht des Einzelnen gegenüber der Gemeinschaft mehr Bedeutung zugemessen werde als den Freiheiten des Individuums. Das Resultat war ein politisches System, das von manchen als „Klimaanlagen-Diktatur“ verspottet wurde: ein autoritärer Führungsstil, der durch wirtschaftlichen Aufschwung legitimiert wird – repräsentiert durch die stets bis zum Anschlag heruntergekühlten Einkaufszentren, Kinos und Restaurants.

Oppositionspolitiker wurden mit Diffamierungsklagen in den Ruin getrieben. „Sicher, als Premierminister war er sehr hart zur Opposition“, sagt Mahbubani über Lee. Die Presse wurde von der Regierung kontrolliert, sogenannte OB-Marker („Out of bounds“ – „außerhalb der Abgrenzungen“) steckten die Grenzen des politischen Diskurses ab.

Welle der Trauer zum goldenen Jubiläum

Doch auch die Singapurer Bevölkerung legt Wert auf Disziplin, harte Arbeit und konfuzianische Familientugenden. Der Stadtstaat praktiziert eine besondere Form des Kapitalismus mit teilweise sozialistischem Anstrich. Der Wohlfahrtsstaat europäischer Prägung war Lee Kuan Yew zwar ein Graus. Dennoch sorgte er dafür, dass jeder Singapurer Anrecht auf staatlich geförderten Wohnraum bekam. Auch die Regierung, die seit elf Jahren von Lee Hsien Loong, dem ältesten Sohn Lee Kuan Yews, angeführt wird, lässt sich nur schwer in die üblichen politischen Kategorien von links und rechts einordnen.

Viele sind der regierenden People’s Action Party dankbar, dass sie aus ihrem kleinen Land einen modernen Staat gemacht hat. Der Tod von Lee Kuan Yew im Jahr des goldenen Jubiläums hatte eine Welle der Trauer ausgelöst. In sengender Hitze und strömendem Regen standen die Menschen Schlange, um dem strengen Gründervater die letzte Ehre zu erweisen.

Singapurer sind unglücklicher

Für viele fühlte es sich an wie das Ende einer Ära. Zum fünfzigsten Jubiläum ist der Gemütszustand vieler Singapurer denn auch nicht sehr euphorisch. Sie beschweren sich über die hohen Lebenshaltungskosten, den schier unbezahlbaren Wohnraum und die steigende Einwanderung. Viele Statistiken belegen das subjektive Gefühl: Die Singapurer arbeiten mehr Wochenstunden, bekommen weniger Kinder und sind generell unglücklicher als die Menschen in den anderen Industriestaaten.

Dennoch hängen schon seit Tagen die Nationalflaggen an den Balkonen. Wochenlang wurde an den Choreographien und Paraden für die öffentlichen Jubiläumsfeierlichkeiten gefeilt. Die Feuerwerke wurden getestet, und die Kampfflugzeuge der Luftwaffe probten ihre Formationsflüge. In einem der Theater im Marina Bay Sands wird ein Musical aufgeführt, das den Weg zur Gründung des Stadtstaats an der Person Lee Kuan Yews nacherzählt. Es beginnt und endet mit der Enttäuschung Lee Kuan Yews über die Abspaltung Singapurs von Malaysia. Ganz zum Schluss singt aber ein Chor voller Hoffnung die Nationalhymne. Sie heißt „Majulah Singapura“ – „Vorwärts, Singapur“.

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