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50 Jahre Singapur : Oase der Ordnung

Die Errungenschaften Singapurs spiegeln sich in der Skyline, auf die etwa die Gäste aus dem berühmten Infinity-Pool des 280 Meter hohen Marina Bay Sands hinunterblicken, dem Hotel- und Casinokomplex, der zum inoffiziellen Wahrzeichen Singapurs avanciert ist. Hinter den Bankentürmen des Geschäftsviertels erstrecken sich im Hintergrund die Wohnblöcke, in denen die meisten Singapurer leben. Dazwischen finden sich immer wieder grüne Inseln: der Botanische Garten, dem die Unesco vor kurzem den Weltkulturerbestatus verlieh, die Parks, Reservate und Dschungelgebiete im Umfeld der Wasserschutzgebiete. Auf der anderen, dem Meer zugewandten Seite, stauen sich die Tanker- und Containerschiffe in der Straße von Malakka.

Laut Kishore Mahbubani basiert der Erfolg Singapurs auf drei Prinzipien: Meritokratie, also der Herrschaft der Leistungsfähigen, Pragmatismus und Ehrlichkeit. Singapur ist eine Oase der Ordnung in dem ansonsten chaotischen Asien: effizient, diszipliniert, sauber. Die Kriminalitätsrate ist eine der niedrigsten der Welt. In den U-Bahnen hängen Schilder, auf denen mit empfindlichen Strafen gedroht wird: Rauchen kostet 1000 Dollar, Essen und Trinken werden mit 500 Dollar Strafe geahndet, die Mitführung von brennbaren Flüssigkeiten und Gas mit 5000 Dollar. „Singapore is a fine city“, lautet ein Spruch, der aufgrund seiner Doppeldeutigkeit beliebt ist. Denn „fine“ lässt sich nicht nur als „schön, ausgezeichnet, fein“ übersetzen. Es ist auch das englische Wort für Geldbuße.

Beschwörung „asiatischer Werte“

In Deutschland hat sich die Strenge des singapurischen „Nanny State“ spätestens seit der Einführung eines Kaugummiverbots im Jahr 1992 herumgesprochen. „Wir sehen keinen Grund, warum wir uns mit Kaugummiresten herumplagen sollten“, sagt Kishore Mahbubani. Heute darf Kaugummi in Singapur immerhin zu „medizinischen“ Zwecken verkauft werden.

Fast ebenso bekannt wie das Kaugummiverbot ist die Anwendung der Prügelstrafe. Singapurs Richter verhängen sie selbst bei kleineren Vergehen wie Vandalismus. Im Mai hatten zwei Deutsche aus Leipzig jeweils drei Schläge mit dem Rohrstock auf den nackten Hintern bekommen. Die beiden Graffiti-Sprayer hatten einen U-Bahn-Wagen in einem Depot besprüht. Man lege eben Wert darauf, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich behandelt würden, sagt Mahbubani. Die Prügelstrafe stamme allerdings noch aus der britischen Kolonialzeit. Damals hätten vor allem die Menschen asiatischer Herkunft den Rohrstock zu spüren bekommen.

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Und so ist heute auch so etwas wie Genugtuung in Singapur darüber zu fühlen, dass es gelungen ist, die Schmach der Fremdherrschaft aus eigener Kraft überwunden zu haben. Statt einer Kolonie des Westens ist Singapur heute eine Erfolgsgeschichte in eigenem Recht. Wie Japan und die anderen südostasiatischen sogenannten Tigerstaaten ist Singapur der Gegenbeweis für die These, dass die Asiaten zur ewigen Rückständigkeit verdammt seien.

Die Beschwörung „asiatischer Werte“ ist deshalb auch so etwas wie eine Trotzreaktion, wie Kishore Mahbubani zugibt. „Wissen Sie, am Ende des Kalten Kriegs gab es so ein Triumphgefühl im Westen“, sagt Mahbubani. Anfang der neunziger Jahre schien das Ende der Geschichte gekommen. Es sah es so aus, als hätte das System westlicher Demokratie gesiegt. „Es war eine Antwort auf diese arrogante Annahme des Westens, dass die Asiaten sagten: Vielleicht werden wir nicht wie ihr“, sagt Mahbubani.

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