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Der Terror der Roten Khmer : Wie Phnom Penh zur Geisterstadt wurde

Als die Truppen der Roten Khmer am 17. April 1975 die Hauptstadt Kambodschas, Pnhom Penh, einnahmen, forderten sie die Bevölkerung auf, die Stadt zu verlassen. Alleine beim erzwungenen Auszug starben 20.000 Menschen durch Exekution, Hunger oder Erschöpfung. Bild: AFP

Am 17. April 1975 eroberten die Roten Khmer die Hauptstadt Kambodschas. Der Jubel über das Ende des Bürgerkriegs währte nicht lange. Nur wenige Stunden später zwangen sie die Bevölkerung von Pnom Penh dazu, die Stadt zu verlassen.

          Als die Roten Khmer vor vierzig Jahren die kambodschanische Hauptstadt Phnom Penh eingenommen hatten, begannen sie binnen Stunden mit der Räumung der Stadt. „Meine Familie wurde gezwungen, ihr Haus zu verlassen und eine ungewisse Reise in ihr Heimatdorf in Prey Veng, einer Provinz in Südostkambodscha, zu unternehmen“, schrieb Sirik Savina anlässlich einer Ausstellung über die Vertreibungen. „Sie waren zu Fuß unterwegs und hatten ihre wenigen Habseligkeiten auf ein Motorrad geschnallt“, berichtete der Direktor des „Museums der Erinnerung“ des neuen Sleuk-Rith-Institut in Phnom Penh.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Auf dem Weg schlief die Familie, wo auch immer sie einen Platz fand. „Meine Mutter erinnert sich an einen Abend, als die Familie auf den Leichen getöteter Vertriebener genächtigt hatte, ohne es zu merken“, berichtete Sirik Savina. Doch wie er sagt, war die Evakuierung „nur ein Vorgeschmack auf den Terror, in den Kambodscha daraufhin gestürzt wurde“. Für viele war es auch nicht die erste erzwungene Flucht. Sie waren wegen des Bürgerkriegs erst vor kurzer Zeit aus ihren Dörfern und Kleinstädten nach Phnom Penh geflohen. Die Stadtbevölkerung war in den Jahren davor sprungartig angewachsen.

          Neben den Massenmorden und Folterexzessen auf den „Killing Fields“ und in den Gefängnissen der Roten Khmer scheint das Verbrechen der Evakuierung zwar zu verblassen. Geschätzte 1,7 Millionen Menschen kamen unter den Roten Khmer und ihrem Anführer Pol Pot („Bruder Nummer Eins“) durch Tötungen, Auszehrung und Hunger ums Leben. Doch bei den Gedenkfeiern zum 40. Jahrestag, die am Freitag auf dem berühmtesten der „Killing Fields“ der Roten Khmer in Cheung Ek außerhalb Phnom Penhs beginnen, werden sich viele der Opfer auch daran erinnern, wie damals die Menschen über die Hauptstraßen in alle Himmelsrichtungen geströmt waren.

          Die Vertreibung der Stadtbevölkerung, ihre Zahl wird auf 1,5 bis 2,6 Millionen geschätzt, war der Eintritt in das „Jahr Null“, mit dem eine neue Zeitrechnung in Kambodscha beginnen sollte. Es war der erste Schritt der Roten Khmer auf dem Weg zu einem primitiven Agrarkommunismus. Über Lautsprecher und Megaphone hatten die Soldaten der Roten Khmer in den Morgenstunden des 17. April 1975 der Bevölkerung erklärt, dass sie die Stadt für ein paar Tage verlassen sollte. Sie begründeten die Evakuierung damit, dass angeblich ein amerikanischer Bombenangriff bevorstehe. Viele wurden unter vorgehaltener Waffe zum Gehen gezwungen.

          Die in schwarz oder Khaki-Uniformen gekleideten Soldaten der „Angkar“ (Organisation), viele davon erst im Teenageralter, zwangen sogar Mönche, Doktoren und Krankenschwestern, Alte, Kranke und junge Mütter kurz nach der Entbindung, die Stadt zu verlassen – meistens zu Fuß. Hatten viele die Ankunft der Roten Khmer zunächst begrüßt, weil ihr Sieg das Ende eines zermürbenden Bürgerkriegs bedeutet hatte, wich das Gefühl der Befreiung schnell einer bangen Unsicherheit. „Sie sagten uns, wir sollten für drei Tage unser Haus verlassen, aber wir kamen erst nach drei Jahren zurück“, sagte die damals elf Jahre alte Svay Thida. Auch nach dem April 1975 wurde ein Teil der Bevölkerung immer wieder in Bewegung gehalten, von einer Baustelle zum anderen, einem Reisfeld zum nächsten geschickt.

          Kleine Reisrationen und harte Arbeit

          Nach einer Erklärung von Pol Pot waren am Ende nur noch etwa 100.000 Menschen in der einstigen Millionenstadt Phnom Penh übrig. Abgesehen von der politischen Zentrale, den Foltergefängnissen und einigen weiteren Einrichtungen der Khmer Rouge, wurde das ehemals florierende Phnom Penh zu einer Geisterstadt. Die Welt erfuhr davon zum ersten Mal durch jugoslawische Journalisten, die im März 1978 das Land bereisten. Ihre Filmaufnahmen zeigten verlassene Straßenzüge, zugenagelte und eingestürzte Häuser, Fenster mit zugezogenen Gardinen, menschenleere Bürgersteige.

          Auf dem Land filmten die jugoslawischen Journalisten dagegen eifrige Arbeitstrupps, die auf Feldern schufteten, Kanäle aushoben und Dämme bauten. Denn die Politik der Vertreibung sollte zum einen dazu dienen, die Baustellen und Kooperativen auf dem Land mit Arbeitskräften zu versorgen. Ein weiteres Ziel war aber auch, die Stadtbevölkerung und Beamten des gestürzten Regimes ihres politischen und wirtschaftlichen Status zu berauben und sie im Sinne der Revolution zu Bauern zu degradieren. In den Dörfern angekommen, wurde die ehemaligen Stadtbewohner als „Neue Menschen“ oder „17.-April-Menschen“ gegenüber der angestammten Landbevölkerung  diskriminiert. Ihre Reisrationen waren kleiner, sie mussten mindestens zehn Stunden am Tag arbeiten und hatten kein Anrecht auf persönlichen Besitz.

          Da die Vertreibung der Stadtbevölkerung am Anfang der Verbrechen der Roten Khmer steht, spielte sie auch bei dem ersten Teilprozess gegen einige der überlebenden ehemaligen Führungskräfte der Roten Khmer vor einem Sondertribunal in Phnom Penh eine große Rolle. Nuon Chea und Khieu Samphan wurden im August 2014 der Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gesprochen, die im Zuge der Evakuierung von Phnom Penh und anderen Städten begangen wurden. Dazu gehörten Mord, politische Verfolgung und andere „unmenschliche“ Taten. Nuon Chea, der einstige Chefideologe der Roten Khmer, und der frühere Staatspräsident des „Demokratischen Kampuchea“, Khieu Samphan wurden zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass sie in die Pläne Pol Pots zur Räumung der Stadt eingeweiht gewesen waren.

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