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Vietnam-Krieg : Die Demütigung einer Supermacht

Trotz militärischer Überlegenheit: Vietnam bezwang die Vereinigten Staaten mit ihrer Guerilla-Taktik. Bild: dpa

Vor vier Jahrzehnten besiegelte Vietnam die erste Niederlage der Vereinigten Staaten in einem Krieg. Damals sah es so aus als ob die Sowjetunion der Sieger des Kalten Krieges werden könnte.

          Das Jahr 1975 war ein gutes Jahr für die Sowjetunion. Die Führung unter Leonid Breschnew war noch bei guter Gesundheit und handlungsfähig. Vor allem aber war 1975 ein Jahr der Katastrophen für den großen weltpolitischen Gegenspieler Moskaus, die Vereinigten Staaten. Im Jahr zuvor war Präsident Richard Nixon über den Watergate-Skandal gestürzt. Und nun schickte sich ein Land, das Henry Kissinger einmal einen „drittklassigen kommunistischen Agrarstaat“ genannt hatte, an, der Weltmacht die erste Niederlage in einem Krieg beizubringen.

          Peter Sturm

          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

          Kissinger war es auch gewesen, der zuvor die These vertreten hatte, die Vereinigten Staaten müssten unter allen Umständen verhindern, dass (Süd-)Vietnam vom kommunistischen Norden erobert würde. Andernfalls würden alle Nachbarstaaten wie Dominosteine der kommunistischen Expansion zum Opfer fallen. Dieser Glaube war weitverbreitet in Washington.

          Schon unter Präsident John F. Kennedy (1961–1963) hatten sich die Amerikaner in zunehmendem Maße in Südostasien engagiert. Erst unter Kennedys Nachfolger Lyndon B. Johnson intervenierte Washington in großem Stil. Während seiner Amtszeit eskalierte aber auch der Protest gegen den Krieg sowohl in Amerika als auch in anderen Ländern, nicht zuletzt in Europa.

          Friedensnobelpreis ohne Frieden

          Militärisch zeigte sich schon bald, dass die amerikanischen Truppen trotz weit überlegener Feuerkraft gegen die Guerrillataktik der Nordvietnamesen wenig auszurichten vermochten. Zur Delegitimierung des Einsatzes in weiten Teilen der Öffentlichkeit trugen Greueltaten wie das Massaker in dem Dorf My Lai bei, die sich – wie in einer Demokratie üblich – nicht verheimlichen ließen.

          Ehemaliger Kriegsschauplatz: Vietnam

          Präsident Richard Nixon forcierte nach seinem Amtsantritt 1969 die „Vietnamisierung“ des Konflikts. Er wollte zwar die prowestliche Regierung Südvietnams weiterhin unterstützen, die amerikanischen Kampftruppen aber allmählich aus dem Land abziehen. Parallel dazu liefen Gespräche zwischen Nixons Sicherheitsberater Kissinger und Vertretern Nordvietnams. Gesprächspartner Kissingers war das nordvietnamesische Politbüromitglied Le Duc Tho.

          Der sah sich zwar in einer Position der Stärke, willigte aber schließlich in ein Waffenstillstandsabkommen ein, das am 27. Januar 1973 in Paris unterzeichnet wurde. Dieser Vertrag brachte den Verhandlungsführern zwar den Friedensnobelpreis ein, führte in Vietnam aber nicht zum Frieden.

          Dominostein nach Dominostein

          Vielmehr gelang Anfang 1975 den Streitkräften Hanois der entscheidende Durchbruch, der in der Eroberung der südvietnamesischen Hauptstadt Saigon am 30. April seinen symbolträchtigen Höhepunkt und Abschluss fand. Unvergessen bleibt die panische Flucht von Amerikanern und Vietnamesen per Hubschrauber vom Dach der amerikanischen Botschaft in Saigon. Die Bilder zeigten aller Welt eine gedemütigte Weltmacht, die sich trotz aller Anstrengungen dem „drittklassigen Agrarstaat“ nicht gewachsen gezeigt hatte. Die Wahl Jimmy Carters ein Jahr nach dem Rückzug aus Südostasien symbolisierte auch innenpolitisch die Abkehr Amerikas von der „alten“ Politik.

          Zudem hatte das Ansehen Amerikas in aller Welt durch den Kriegseinsatz sehr gelitten. Die Sowjetunion und ihre Verbündeten verstanden es, die Gunst dieser Stunde zu nutzen. Nur kurze Zeit nach Ende des Vietnamkrieges begann Moskaus Verbündeter Kuba seine „internationalistische“ Unterstützung der Befreiungsbewegung MPLA in Angola. Auf dem afrikanischen Kontinent fielen mit Äthiopien und Moçambique weitere „Dominosteine“.

          Nach dem Untergang ist vor dem Aufstieg

          In Südostasien blieb es nicht beim Verlust Vietnams. Schon während des langen Krieges waren die Nachbarn Kambodscha und Laos in die Kämpfe hineingezogen worden. In beiden vollzog sich ein Machtwechsel, der vor allem für Kambodscha katastrophale Folgen hatte. Die Roten Khmer massakrierten mehr als eine Million Kambodschaner. Auch das einstige Königreich Laos geriet unter Führung der Partei Pathet Lao ins Moskauer Fahrwasser.

          Nachrufe auf die Weltmacht Amerika, die durchaus nahelagen, erwiesen sich als voreilig. Schon unter Präsident Ronald Reagan (ab 1981) zeigte sich Washington wieder aktiver auf der Weltbühne. Und die sowjetische Führung war nicht mehr bei guter Gesundheit und nicht mehr handlungsfähig. Weitere zehn Jahre später war die Sowjetunion Geschichte und Amerika die einzig verbliebene Supermacht. Auch das war nicht das „Ende der Geschichte“, obwohl es ein Buchautor damals so sehen wollte.

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