https://www.faz.net/-gq5-8kw1e

Karimow schwer erkrankt : Wer herrscht in Usbekistan nach dem Despoten?

Der usbekische Präsident Islam Karimow Bild: dpa

Widersprüchliche Berichte gibt es über das Schicksal des usbekischen Autokraten Islam Karimow. Lebt er, ist er tot? In jedem Fall stellt sich die Frage der Nachfolge dringlicher denn je.

          Bis Sonntag galt die Gesundheit Islam Karimows, des 78 Jahre alten Despoten von Taschkent, als besonders großes Tabu unter vielen verbotenen Themen in Usbekistan. Dann aber teilten Regierung und Fernsehen offiziell mit, dass der Präsident im Krankenhaus liege: Es war ein Novum in der usbekischen Geschichte. Die Heilung werde „eine bestimmte Zeit“ beanspruchen, hieß es weiter, ohne Angabe eines konkreten Leidens. Aber am Montag bestätigte  die jüngere der beiden Töchter des Präsidenten, Lola Karimowa-Tilljajewa, Gerüchte, ihr Vater habe am Samstagmorgen einen Hirnschlag erlitten. Sein Zustand sei stabil, man möge von Spekulationen absehen, bat sie im Internetdienst Instagram. Ab Montagabend mehrten sich dann Medienberichte, laut denen Karimow bereits gestorben sei; zitiert wurden dazu anonyme Quellen im Land. Eine offizielle Bestätigung oder ein Dementi aus der Hauptstadt Taschkent blieben aus. Andererseits zitierten russische Nachrichtenagenturen ebenfalls anonyme Quellen mit der Aussage, Karimows Zustand sei „stabil“. Der usbekische Dienst der BBC meldete, die Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag am 1. September seien abgesagt worden; dagegen teilte das Organisationskomitee mit, die geplanten Veranstaltungen fänden mit Ausnahme eines Konzerts in Taschkent statt.

          Zerstrittene Präsidentenfamilie

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Zum ersten Mal wird die Unabhängigkeit des Landes ohne Karimow, der 1989 Parteichef der örtlichen Sowjetrepublik wurde, gefeiert. Die Spekulationen, die sich Lola Karimowa-Tilljajewa verbeten hatte, sind freilich unausweichlich. Denn Karimow hat keinen Nachfolger bestimmt. Als ein möglicher Anwärter gilt der 59 Jahre alte Schawkat Mirsijojew, Ministerpräsident seit 2003. Laut Verfassung kommt es bei Amtsunfähigkeit des Präsidenten zwar dem Senatssprecher zu, das Land interimistisch zu führen und binnen drei Monaten Neuwahlen abzuhalten. Der Inhaber dieses Postens, Nigmatilla Judaschew, gilt indes als eher „technische Figur“, so der Moskauer Usbekistan-Fachmann Arkadij Dubnow – dieser ist übrigens einer derjenigen, die vom Tod Karimows ausgingen. Anonyme Quellen in Usbekistan, das keine unabhängigen Medien hat, wiesen Berichte zurück, ein zweiter Nachfolgeaspirant sei unter Hausarrest gestellt worden: der 57 Jahre alte Rustam Asimow, seit 2000 Erster Stellvertretender Ministerpräsident und seit 2005 zusätzlich Finanzminister des Landes. In der Nachfolgefrage wird zudem der Name des 72 Jahre alten Rustam Inojatow genannt; der Leiter des Nationalen Sicherheitsdienstes soll Ministerpräsident Mirsijojew protegieren, der zudem der Präsidentenfamilie besonders nahestehen soll.

          Diese ist zerstritten. Eine Zeitlang galt die ältere Tochter des Despoten als dessen Wunschnachfolgerin: Gulnara Karimowa, eine mondäne Frau mit Harvard-Studium, Kleider- und Schmuckkollektion („Guli“) und Auftritten an der Seite westlicher Stars, die sich schon als „Prinzessin“ feiern ließ, aber vor drei Jahren in Ungnade fiel. In westlichen Staaten und dann auch in der Heimat begannen Korruptionsermittlungen.  Unter Druck begann Karimowa auf einmal, über Missstände im Land zu berichten, schrieb etwa über ihren Vater, in ihm lebe „Genosse Stalin“ weiter. Sie warf ihrer Mutter Tatjana vor, Timur Tilljajew, den Ehemann ihrer Schwester, zu favorisieren. Zusammen mit Geheimdienstchef Inojatow intrigiere die Präsidentengattin gegen sie, klagte Gulana Karimowa. Sie soll schon seit Februar 2014 unter Hausarrest stehen.

          Die organisierte Opposition ist längst ausgemerzt

          Im Taschkenter Nachfolgeringen dürften – neben den Pfründen in dem an Öl und Gas reichen Land – regionale Clans, zwischen denen Karimow vermittelte,  eine Rolle spielen; so stammt Mirsijojew aus Samarkand, Asimow aus Taschkent. Das Regime schürt seit langem im In- wie Ausland die Angst vor islamistischen Radikalen, um seine brutale Repression jedweder Gegner zu rechtfertigen sich dem Westen als Partner im Kampf gegen Terrorismus zu verkaufen. Durchaus mit Erfolg; so zahlte Deutschland viel Geld, um bis Ende 2015 den Stützpunkt in Termes an der Grenze zu Afghanistan zu nutzen. Berlin sparte außerdem mit Kritik an Menschenrechtsverletzungen wie Folter in den Gefängnissen. In Andischan im Osten des Landes ließ Karimow zudem im Mai 2005 Demonstranten zusammenschießen, die für die Freilassung von Geschäftsleuten demonstriert hatten, die unter Islamismusvorwürfen inhaftiert worden waren; Hunderte Zivilisten wurden damals getötet. So hat Karimow längst jede organisierte Opposition im Land gegen ihn ausgemerzt. Muchammad Salich, ein Dichter, der 1991 bei den ersten Präsidentenwahlen gegen Karimow 13 Prozent der Stimmen geholt hatte, lebt im türkischen Exil, was die Beziehungen beider Länder belastet. Auch mit seinen Nachbarländern streitet Usbekistan über Wasser respektive Grenzverlauf.

          In Kasachstan, Turkmenistan und Tadschikistan dürfte die usbekische Nachfolgefrage aber auch deshalb aufmerksam verfolgt werden, weil ihre Herrscher wie seinerzeit Karimow ebenfalls alles tun, um lebenslang an der Macht zu bleiben. Usbekistan ist mit gut 31 Millionen Bürgern das bevölkerungsreichste Land Zentralasiens. Die Bevölkerung ist jung, und wächst schnell, doch ohne Verbindungen fehlen Perspektiven. Der Verfall der Rohstoffpreise trifft die Volkswirtschaft zusätzlich. Die Überweisungen der Gastarbeiter, die meist in Russland tätig sind, sollen ein Viertel der Wirtschaftsleistung ausmachen; doch auch sie sind in Russlands Krise eingebrochen.  Berichte über Zwangsarbeit bei der Baumwollernte haben zudem westliche Abnehmer verschreckt. Hinzu kommt nun die Unklarheit über die Zukunft der Führung. Am Mittwoch meldete sich Lola Karimowa-Tilljajewa neuerlich über Instagram zu Wort: Sie dankte für „gute Wünsche“ für ihren Vater, die, da sei sie sich sicher, bei „seiner Genesung helfen“ würden. Widersprüchliche Berichte gab es am Mittwoch auch über die Frage, ob russische Ärzte Karimow in Taschkent behandelten.

          Weitere Themen

          Unruhen nach Festnahmen von Nationalgardisten Video-Seite öffnen

          Venezuela : Unruhen nach Festnahmen von Nationalgardisten

          In Caracas kam es zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften, nachdem Mitglieder der Nationalgarde Waffen gestohlen und eine Meuterei versucht hätten, so Angaben der Regierung. Seit Monaten kommt es zu Protesten gegen die Regierung.

          Schalten Sie den Leuchtturm an

          FAZ Plus Artikel: Isolierung Taiwans : Schalten Sie den Leuchtturm an

          Taiwan appelliert im Streit mit China um die Anerkennung seiner Unabhängigkeit an die internationale Gemeinschaft – diese verhält sich jedoch weitgehend zurückhaltend. Amerika setzte kürzlich ein starkes Zeichen der Unterstützung.

          Alte Freundschaft neu besiegelt Video-Seite öffnen

          Elysée 2.0 - Aachener Vertrag : Alte Freundschaft neu besiegelt

          Kanzlerin Merkel und Präsident Macron haben den „Aachener Vertrag“ unterschrieben, der eine Ergänzung des Elysée-Vertrags von 1963 darstellt. Der Vertrag soll die Absicht besiegeln, in gleich mehreren Politikfeldern zusammenzuarbeiten.

          Topmeldungen

          Brexit : Übernimmt das Unterhaus die Kontrolle?

          Am kommenden Dienstag stimmen die Abgeordneten des britischen Unterhauses über das weitere Vorgehen in Richtung Brexit ab. Die Änderungsanträge zur „neutralen Vorlage“ der Regierung haben es in sich.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.