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Tiananmen-Massaker : Im Reich des verordneten Vergessens

  • -Aktualisiert am

Ende eines kurzen Frühlings: Studenten verfolgen den Aufmarsch der Armee am 4. Juni 1989 Bild: dpa

Eine ganze Generation ist in China ohne Wissen über das Pekinger Massaker vor 25 Jahren aufgewachsen. Auch zum Jahrestag unterdrückt die Partei jedes Gedenken - stattdessen werden die Opferfamilien überwacht.

          Ein Vierteljahrhundert nach der blutigen Niederschlagung von Chinas Demokratiebewegung hat Zhou Duo die Hoffnung noch immer nicht aufgegeben. Er hofft noch immer, dass die Bewegung in China rehabilitiert und die Wahrheit bekannt wird. Und er hofft, dass die Demokratie sich in China doch noch durchsetzen wird. „Der Militäreinsatz war ein großer Fehler“, sagt Zhou Duo bei einer Begegnung in einem Vorort von Peking, „das Problem ist, dass sich sehr große Fehler auch nur sehr schwer berichtigen lassen.“

          Die Nacht auf den 4. Juni 1989, als die chinesische Volksbefreiungsarmee gegen das Volk, die demonstrierenden Studenten und Bürger der Stadt Peking, eingesetzt wurde, hat Zhous Leben verändert. Er war einer der Hauptakteure in der Endphase der Studentenbewegung. Ihm und drei anderen ist es zu verdanken, dass in Peking in jener Nacht nicht noch viel mehr Blut geflossen ist. Die Partei hat ihn dafür bestraft: Zhou Duo hat seit 25 Jahren Berufsverbot und Publikationsverbot, die Polizei hat ein wachsames Auge auf ihn, mehrfach stand er unter Hausarrest.

          Gegen Korruption und für politische Reformen

          Der damals 43 Jahre alte Sozialwissenschaftler und prominente reformorientierte Intellektuelle war einer der Unterstützer der Bewegung. Er sympathisierte mit den Forderungen der Studenten, die gegen Korruption und für politische Reformen demonstrierten. Doch sah er mit Sorge die Eskalation der Gegensätze nach der Verhängung des Kriegsrechts in Peking. Ihm war früh klar, dass die radikalen Forderungen der Studenten die Reformkräfte in der Kommunistischen Partei, zu denen auch Parteichef Zhao Ziyang zählte, unter Druck bringen würden.

          Zhou Duo gehörte zu den C; so wurden jene Intellektuellen genannt, die Anfang Juni 1989 zur Unterstützung der Studenten in einen Hungerstreik traten. Die Aktion war die Idee von Liu Xiaobo, dem späteren Friedensnobelpreisträger. Neben Zhou Duo gehörten der taiwanische Pop-Sänger Hou Dejian und der Journalist Gao Xin dazu. Zhou sagt, er habe sich dazu überreden lassen, in der Hoffnung, mäßigend auf Liu Xiaobo einzuwirken, den er als Hitzkopf kannte, aber auch auf die Studenten, die Kompromisse verweigerten und sich nicht vom Platz des Himmlischen Friedens zurückziehen wollten.

          „Nicht schießen! Wir wollen verhandeln“

          Die „Vier Aufrechten“ veröffentlichten ein Manifest für eine Demokratisierung und begannen am 2. Juni ihren Hungerstreik in einem Zelt auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Zentrum von Peking, umgeben von etwa 3.000 Studenten, von denen einige schon seit Tagen im Hungerstreik waren, um die Parteiführung zum Einlenken zu bewegen. „Am 3. Juni war die Atmosphäre angespannt“, erinnert sich Zhou. Zwei Freunde aus dem Militär hätten ihn auf dem Platz besucht und ihm berichtet, dass ein Großeinsatz bevorstehe.

          „Einer fotografierte mich mit Tränen in den Augen, er dachte wohl, dass er mich nie mehr wiedersehen werde.“ Zhou Duo wusste nun also, dass eine gewaltsame Räumung des Platzes bevorstand. Er versuchte, die Studenten zu einem Rückzug zu bewegen, doch stattdessen beschimpften manche ihn gar als Verräter.

          „Nachts um elf Uhr hörten wir vom Westen des Platzes her Gewehrschüsse, laut wie ein Feuerwerk. Dann kam ein Student gelaufen und berichtete uns, dass die Soldaten auf den Platz losmarschierten und wie verrückt auf Passanten schössen. Er flehte mich an, die Studenten auf dem Platz zu retten.“ Die vier Hungerstreikenden versuchten, zwischen Studenten und Soldaten zu vermitteln. „Es war der schwerste Moment in meinem Leben“, sagt Zhou Duo heute. „Wir gingen auf die Soldaten zu und riefen: ,Nicht schießen! Wir wollen verhandeln.‘“

          Eine „konterrevolutionäre Rebellion“ sei niedergeschlagen worden

          Zhou Duo und Hou Dejian baten um freies Geleit für die Studenten auf dem Platz. Einer der Offiziere stimmte unter der Voraussetzung zu, dass sie sofort den Platz verließen. Bei einer Abstimmung sprach sich eine Mehrheit der Demonstranten für einen Rückzug aus, und sie setzten sich in Bewegung.

          Die Volksbefreiungsarmee war derweil von Westen kommend in die Stadt eingerückt und schon auf ihrem Weg von wütenden Bürgern und Demonstranten mit Steinen beworfen worden. Busse und Fahrzeuge wurden in Brand gesetzt. Die Soldaten schossen mit scharfer Munition auf die Bürger. Gegen vier Uhr morgens erreichten die Armeeeinheiten den Platz des Himmlischen Friedens und rissen die von den Studenten aufgestellte „Göttin der Demokratie“ mit Panzerfahrzeugen nieder. Ebenso wie die Zelte, die noch auf dem Platz standen.

          In jener Nacht starben viele Studenten und andere Bürger, die sich den Demonstrationen angeschlossen hatten. Es kamen auch Soldaten ums Leben. Wenige Tage später erklärte der starke Mann der Partei, Deng Xiaoping, dass in Peking eine „konterrevolutionäre Rebellion“ niedergeschlagen worden sei. Einige wenige Verschwörer hätten versucht, in China eine bürgerliche Republik zu errichten, die ganz vom Westen abhängig sei. Er beglückwünschte die Armeeeinheiten, die gegen die Demonstranten eingesetzt worden waren.

          Fliehen vor dem Panzer: Bis heute ist die Zahl der Opfer ungeklärt

          Von den Studenten, die in der Nacht den Platz verließen, wurden viele noch auf dem Weg, andere später verhaftet. Die Studentenführer versteckten sich, einige von ihnen konnten mit Hilfe von Sympathisanten aus dem Land fliehen. Zhou Duo wurde wenige Wochen später festgenommen, aber nach einigen Monaten ohne Anklage freigelassen. Damit kam er glimpflich davon. Nach Erkenntnissen der amerikanischen Gefangenen-Hilfsorganisation Dui Hua sind im Zusammenhang mit den Protesten landesweit etwa 15.000 Personen inhaftiert worden. Es gab auch bis zu einhundert Todesurteile.

          Bis heute hat die chinesische Regierung keine Angaben über die Zahl der Toten, Verletzten, Hingerichteten und Verurteilten veröffentlicht. Nur anhand der Erzählungen der Augenzeugen haben Exil-Gruppen und Menschenrechtsorganisationen die Ereignisse rekonstruiert und die Opfer beziffert. Wahrscheinlich sind in Peking mehrere hundert Menschen ums Leben gekommen. Die meisten starben nicht auf dem Tiananmen, dem Platz des Himmlischen Friedens, sondern wohl beim Vorrücken der Armee in Richtung Stadtmitte, weshalb die Bezeichnung „Tiananmen-Massaker“, die sich eingebürgert hat, nicht ganz korrekt ist.

          Keine Antworten für die Opferfamilien

          „Keiner von uns hat gesehen, dass auf dem Platz des Himmlischen Friedens Demonstranten erschossen wurden“, sagt Zhou Duo. Die Partei müsse sich eines Tages der Wahrheit stellen, sagt er. Doch seit 25 Jahren weigert sie sich, Auskunft zu geben oder gar eine Neubewertung der Ereignisse von damals vorzunehmen. Die Partei hat Vergessen angeordnet. Eine ganze Generation ist inzwischen aufgewachsen, die von den Ereignissen von damals nichts weiß. Websites mit entsprechenden Inhalten sind in China nicht zugänglich.

          Trotz erheblicher Einschüchterung setzt sich in China die mutige Gruppe der „Mütter von Tiananmen“, ein loser Zusammenschluss von Opferfamilien, dafür ein, die Erinnerung an das Massaker wachzuhalten. In regelmäßigen offenen Briefen verlangt sie von der Partei eine offizielle Erklärung. Eine Antwort haben die Opferfamilien nie bekommen, stattdessen werden sie schikaniert und überwacht. So auch Zhang Xianling, eine heute 76 Jahre alte Ingenieurin aus Peking, die die Gruppe mitgegründet hat. Ihr Sohn Wang Nan, damals 19 Jahre alt, wurde am 4. Juni erschossen, als er Fotos vom Militäreinsatz machen wollte.

          „Ich bin nur eine einfache alte Frau und keine Gegnerin der Partei“

          Seit Jahren wird die resolute Frau von der Staatssicherheit observiert, ihr Telefon wird abhört, und zu politisch „heiklen“ Zeiten wie diesen wird ihr Wohnblock überwacht, damit keine Journalisten zu ihr gelangen können. Auch jetzt, vor dem 25. Jahrestag, steht ein Polizeiwagen mit drei Uniformierten vor dem Haus. Ein Mann in Zivil versperrt den Eingang und erklärt, dass niemand hineindürfe, der dort nicht wohne.

          Aber Frau Zhang nutzt eine kurze Begegnung im Hauseingang, um ihre Botschaft laut zu verkünden: „Mein Sohn ist am 4. Juni 1989 durch eine Kugel ums Leben gekommen. Ich verlange von der Partei eine Erklärung. Ich bin nur eine einfache alte Frau und keine Gegnerin der Kommunistischen Partei, warum schikaniert man mich so?“

          25 Jahre nach den traumatischen Ereignissen ist vielen, auch in der Partei, klar, dass der Militäreinsatz damals ein Fehler war. Aber offiziell würde dies niemand zugeben. Viele, die heute in Amt und Würden sind, zählten damals vielleicht sogar zu Sympathisanten der Bewegung oder haben an den Demonstrationen teilgenommen. Von der „Konterrevolution“ war schon nach wenigen Jahren nicht mehr die Rede, stattdessen argumentierten Funktionäre bald, dass der wirtschaftliche Erfolg Chinas beweise, dass die Entscheidung der Parteiführung damals richtig gewesen sei. Es gab aber auch innerhalb der Partei immer wieder Stimmen, die eine Rehabilitierung der Bewegung von 1989 forderten, die sich aber nicht durchsetzen konnten.

          In Hongkong darf erinnert werden

          Im gegenwärtigen ideologischen Klima ist schon gar nicht daran zu denken. Die Parteiführung unter Xi Jinping ist ideologisch konservativ und bekämpft Dissens. Die Sicherheitskräfte wollen auf jeden Fall verhindern, dass irgendwelche Aktionen zum Gedenken an das Massaker stattfinden. Bereits im Mai wurde eine Gruppe von Bürgerrechtlern, unter ihnen auch der prominente Menschenrechtsanwalt Pu Zhiqiang, festgenommen, nachdem sie sich in einer privaten Wohnung in Peking zum Gedenken an den 4. Juni getroffen hatten.

          Nach Angaben von Menschrechtsorganisationen sind landesweit rund 50 Personen festgenommen worden. Der einzige Ort in der Volksrepublik China, an dem offiziell an die Ereignisse von damals erinnert werden darf, ist Hongkong. Dort findet jedes Jahr eine Mahnwache statt. Zhou Duo, der nach seiner Freilassung Christ wurde, hat sich all die Jahre weiter aus dem Hintergrund für politische Veränderungen in China eingesetzt. Am 4. Juni wird er einen Tag lang fasten und trauern.

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