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Tiananmen-Massaker : Im Reich des verordneten Vergessens

  • -Aktualisiert am

Keine Antworten für die Opferfamilien

„Keiner von uns hat gesehen, dass auf dem Platz des Himmlischen Friedens Demonstranten erschossen wurden“, sagt Zhou Duo. Die Partei müsse sich eines Tages der Wahrheit stellen, sagt er. Doch seit 25 Jahren weigert sie sich, Auskunft zu geben oder gar eine Neubewertung der Ereignisse von damals vorzunehmen. Die Partei hat Vergessen angeordnet. Eine ganze Generation ist inzwischen aufgewachsen, die von den Ereignissen von damals nichts weiß. Websites mit entsprechenden Inhalten sind in China nicht zugänglich.

Trotz erheblicher Einschüchterung setzt sich in China die mutige Gruppe der „Mütter von Tiananmen“, ein loser Zusammenschluss von Opferfamilien, dafür ein, die Erinnerung an das Massaker wachzuhalten. In regelmäßigen offenen Briefen verlangt sie von der Partei eine offizielle Erklärung. Eine Antwort haben die Opferfamilien nie bekommen, stattdessen werden sie schikaniert und überwacht. So auch Zhang Xianling, eine heute 76 Jahre alte Ingenieurin aus Peking, die die Gruppe mitgegründet hat. Ihr Sohn Wang Nan, damals 19 Jahre alt, wurde am 4. Juni erschossen, als er Fotos vom Militäreinsatz machen wollte.

„Ich bin nur eine einfache alte Frau und keine Gegnerin der Partei“

Seit Jahren wird die resolute Frau von der Staatssicherheit observiert, ihr Telefon wird abhört, und zu politisch „heiklen“ Zeiten wie diesen wird ihr Wohnblock überwacht, damit keine Journalisten zu ihr gelangen können. Auch jetzt, vor dem 25. Jahrestag, steht ein Polizeiwagen mit drei Uniformierten vor dem Haus. Ein Mann in Zivil versperrt den Eingang und erklärt, dass niemand hineindürfe, der dort nicht wohne.

Aber Frau Zhang nutzt eine kurze Begegnung im Hauseingang, um ihre Botschaft laut zu verkünden: „Mein Sohn ist am 4. Juni 1989 durch eine Kugel ums Leben gekommen. Ich verlange von der Partei eine Erklärung. Ich bin nur eine einfache alte Frau und keine Gegnerin der Kommunistischen Partei, warum schikaniert man mich so?“

25 Jahre nach den traumatischen Ereignissen ist vielen, auch in der Partei, klar, dass der Militäreinsatz damals ein Fehler war. Aber offiziell würde dies niemand zugeben. Viele, die heute in Amt und Würden sind, zählten damals vielleicht sogar zu Sympathisanten der Bewegung oder haben an den Demonstrationen teilgenommen. Von der „Konterrevolution“ war schon nach wenigen Jahren nicht mehr die Rede, stattdessen argumentierten Funktionäre bald, dass der wirtschaftliche Erfolg Chinas beweise, dass die Entscheidung der Parteiführung damals richtig gewesen sei. Es gab aber auch innerhalb der Partei immer wieder Stimmen, die eine Rehabilitierung der Bewegung von 1989 forderten, die sich aber nicht durchsetzen konnten.

In Hongkong darf erinnert werden

Im gegenwärtigen ideologischen Klima ist schon gar nicht daran zu denken. Die Parteiführung unter Xi Jinping ist ideologisch konservativ und bekämpft Dissens. Die Sicherheitskräfte wollen auf jeden Fall verhindern, dass irgendwelche Aktionen zum Gedenken an das Massaker stattfinden. Bereits im Mai wurde eine Gruppe von Bürgerrechtlern, unter ihnen auch der prominente Menschenrechtsanwalt Pu Zhiqiang, festgenommen, nachdem sie sich in einer privaten Wohnung in Peking zum Gedenken an den 4. Juni getroffen hatten.

Nach Angaben von Menschrechtsorganisationen sind landesweit rund 50 Personen festgenommen worden. Der einzige Ort in der Volksrepublik China, an dem offiziell an die Ereignisse von damals erinnert werden darf, ist Hongkong. Dort findet jedes Jahr eine Mahnwache statt. Zhou Duo, der nach seiner Freilassung Christ wurde, hat sich all die Jahre weiter aus dem Hintergrund für politische Veränderungen in China eingesetzt. Am 4. Juni wird er einen Tag lang fasten und trauern.

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