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Tiananmen-Massaker : Im Reich des verordneten Vergessens

  • -Aktualisiert am

„Nachts um elf Uhr hörten wir vom Westen des Platzes her Gewehrschüsse, laut wie ein Feuerwerk. Dann kam ein Student gelaufen und berichtete uns, dass die Soldaten auf den Platz losmarschierten und wie verrückt auf Passanten schössen. Er flehte mich an, die Studenten auf dem Platz zu retten.“ Die vier Hungerstreikenden versuchten, zwischen Studenten und Soldaten zu vermitteln. „Es war der schwerste Moment in meinem Leben“, sagt Zhou Duo heute. „Wir gingen auf die Soldaten zu und riefen: ,Nicht schießen! Wir wollen verhandeln.‘“

Eine „konterrevolutionäre Rebellion“ sei niedergeschlagen worden

Zhou Duo und Hou Dejian baten um freies Geleit für die Studenten auf dem Platz. Einer der Offiziere stimmte unter der Voraussetzung zu, dass sie sofort den Platz verließen. Bei einer Abstimmung sprach sich eine Mehrheit der Demonstranten für einen Rückzug aus, und sie setzten sich in Bewegung.

Die Volksbefreiungsarmee war derweil von Westen kommend in die Stadt eingerückt und schon auf ihrem Weg von wütenden Bürgern und Demonstranten mit Steinen beworfen worden. Busse und Fahrzeuge wurden in Brand gesetzt. Die Soldaten schossen mit scharfer Munition auf die Bürger. Gegen vier Uhr morgens erreichten die Armeeeinheiten den Platz des Himmlischen Friedens und rissen die von den Studenten aufgestellte „Göttin der Demokratie“ mit Panzerfahrzeugen nieder. Ebenso wie die Zelte, die noch auf dem Platz standen.

In jener Nacht starben viele Studenten und andere Bürger, die sich den Demonstrationen angeschlossen hatten. Es kamen auch Soldaten ums Leben. Wenige Tage später erklärte der starke Mann der Partei, Deng Xiaoping, dass in Peking eine „konterrevolutionäre Rebellion“ niedergeschlagen worden sei. Einige wenige Verschwörer hätten versucht, in China eine bürgerliche Republik zu errichten, die ganz vom Westen abhängig sei. Er beglückwünschte die Armeeeinheiten, die gegen die Demonstranten eingesetzt worden waren.

Fliehen vor dem Panzer: Bis heute ist die Zahl der Opfer ungeklärt

Von den Studenten, die in der Nacht den Platz verließen, wurden viele noch auf dem Weg, andere später verhaftet. Die Studentenführer versteckten sich, einige von ihnen konnten mit Hilfe von Sympathisanten aus dem Land fliehen. Zhou Duo wurde wenige Wochen später festgenommen, aber nach einigen Monaten ohne Anklage freigelassen. Damit kam er glimpflich davon. Nach Erkenntnissen der amerikanischen Gefangenen-Hilfsorganisation Dui Hua sind im Zusammenhang mit den Protesten landesweit etwa 15.000 Personen inhaftiert worden. Es gab auch bis zu einhundert Todesurteile.

Bis heute hat die chinesische Regierung keine Angaben über die Zahl der Toten, Verletzten, Hingerichteten und Verurteilten veröffentlicht. Nur anhand der Erzählungen der Augenzeugen haben Exil-Gruppen und Menschenrechtsorganisationen die Ereignisse rekonstruiert und die Opfer beziffert. Wahrscheinlich sind in Peking mehrere hundert Menschen ums Leben gekommen. Die meisten starben nicht auf dem Tiananmen, dem Platz des Himmlischen Friedens, sondern wohl beim Vorrücken der Armee in Richtung Stadtmitte, weshalb die Bezeichnung „Tiananmen-Massaker“, die sich eingebürgert hat, nicht ganz korrekt ist.

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