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Anschlag von Bangkok : Inferno in der Engelsstadt

Aufräumarbeiten am hinduistischen Erawan-Schrein in Bangkok Bild: dpa

Wo die Reichen und Schönen bummeln gehen, jagt ein Attentäter drei Kilo TNT in die Luft. Das Inferno ist einen Tag später nur noch durch Videoaufnahmen greifbar. Ein Verdächtiger erinnert an den Attentäter des Bostoner Marathons, Dzokhar Tsarnaev.

          So hart hat es Thailands hedonistische Metropole Bangkok noch nie getroffen. Und das auch noch dort, wo sonst die reichen Töchter und Söhne der Elite durch die Edelboutiquen flanieren, wo sich westliche Rucksacktouristen über die hemmungslose Lust der Thais am Kommerz ärgern und wo auch die dort lebenden Ausländer mal bummeln gehen, obwohl sie sich eigentlich zu cool dafür fühlen. Es war hier, an der Kreuzung Ratchaprasong, zwischen Einkaufszentren und Luxushotels, wo der Traum vom sorglosen Leben in der sogenannten Stadt der Engel mit drei Kilo TNT in die Luft gejagt wurde. Doch nun zeugen nur noch Trümmer von dem Schrecken des vergangenen Abends. Sie liegen verstreut um den Erawan-Schrein herum. Nur das Gold und Silber des hinduistischen Heiligtums glänzt wie eh und je in der Mittagssonne.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Das Inferno, das nur ein paar Stunden vorher hier geherrscht haben muss, wird nur durch die Videoaufnahmen greifbar, die Überwachungskameras, Taxifahrer oder Passanten mit ihren Handys aufgenommen haben. Sie zeigen undeutlich einen Feuerpilz, der aus dem Gebiet des Schreins emporquoll. Menschen, die vor der starken Detonation in Deckung gehen, flüchten, in der Hast stolpern, kurzzeitig in die Knie gehen. Dann Aufnahmen aus der unmittelbarer Nähe des Tatorts: zertrümmerte Mopeds, ein brennendes Motorrad. Mit Tüchern bedeckte Leichen auf der Straße, etwas, das wie abgetrennte Gliedmaßen aussieht. Nervöse Polizisten, Notfallärzte, die einen nach dem anderen in die Rettungswagen verfrachten. Sirenen.

          Einen Tag später sind zwanzig Menschen tot, mehr als 120 werden zu den Verletzten gezählt. Die extreme Gewalt erscheint sinnlos an diesem alltäglichen Ort. Doch genau das ist es wohl, was die bisher noch unbekannten Täter wollen: Unsicherheit verbreiten, Misstrauen säen. Doch niemand weiß zunächst, warum sie das wollen. Es könnten etwa die Gegner der Militärregierung gewesen sein, die seit einem Putsch im vergangenen Jahr an der Macht ist. Eine neue Schlacht in dem Kampf zwischen Gelbhemden und Rothemden, zwischen der Elite Bangkoks und des Südens und den Benachteiligten im Nordosten, der die Politik in Thailand seit fast einer Dekade bestimmt. Oder vielleicht waren es muslimische Separatisten, deren Aufstand im Süden des Landes in diesen zehn Jahren mehrere tausend Menschen das Leben kostete? Niemand weiß es.

          Die Explosion soll sich etwa 18.55 Uhr ereignet haben, Stoßzeit für die nahegelegene Hochbahn. Wie immer dürften einige der vorbeieilenden thailändischen Passanten hier kurz innegehalten haben, um sich mit gefalteten Händen vor dem Schrein zu verbeugen. Er ist zwar dem Hindu-Gott Brahma gewidmet, aber vor allem buddhistische Thais zollen ihm Respekt. Es sind aber auch viele Touristen vor Ort, insbesondere Chinesen, aber auch Gäste aus anderen Ländern Ostasiens, aus Singapur oder Malaysia. Ihnen gefällt wohl die geschäftige, aber gleichzeitig auch besinnliche Atmosphäre an dem Schrein, das Gemisch aus Rauchschwaden, Kerzenflackern und Blumengewinden, die Aufführungen prunkvoll kostümierter Tanzdamen. Das alles ist umrahmt von einer Kulisse aus Shopping-Malls und gläserne Hotels.

          Eine unklare Wendung

          Ein Stück hinter dem Schrein, im Swimmingpool eines bekannten Luxushotels, werden auch Fabbiani Francesco, Verena von Aufschnaiter und ihre drei Söhne indirekt Zeugen der Katastrophe. Sie haben gerade einen Urlaub in Kambodscha hinter sich und machen auf dem Weg Zwischenstopp in Bangkok. Beim Baden schreckt die Explosion die teilweise deutschsprachige Familie aus dem italienischen Südtirol auf wie ein Donnerschlag. „Am Anfang wusste man gar nicht, was das ist. Vielleicht ist ein Tuk-tuk explodiert oder so“, sagt Verena von Aufschnaiter. Doch dann fallen plötzlich einige merkwürdige Dinge vom Himmel. Das sei verbranntes Menschenfleisch gewesen, sagt Fabbiani Francesco. Der Italiener dreht sich etwas zur Seite, als er das sagt, damit seine Söhne nicht mithören können. Die Familie hatte selbst vor zwei Wochen den Schrein besucht. Sie saß gemeinsam auf genau der Bank, auf der die Täter oder der Täter wohl auch die Bombe deponiert hatten. Angst habe die Familie nach dem Anschlag nicht, sagt Verena von Aufschnaiter.

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          Doch am Dienstag explodiert dann ein zweiter Sprengsatz. Zum Glück landet er in einem Fluss. Niemand wird verletzt. Armee und Polizei sprechen zunächst von einem ersten Verdächtigen für den Anschlag vom Montag. Ein offenbar noch junger Mann mit einem auffälligen, gelben T-Shirt, das auf der Vorderseite bedruckt ist. Er trägt auf den Bildern, die mittlerweile kursieren, über die Ohren gehende, offenbar gelockte oder wuschelige Haare, knielange Hosen, eine Plastiktüte in der Hand und einen dunklen Rucksack auf dem Rücken. Videoaufnahmen einer Überwachungskamera zeigen, wie er sich auf eine der Bänke an dem Schrein setzt und den Rucksack unauffällig abstreift. Er zückt ein Handy und scheint damit einige Fotos von dem Schrein zu machen. Dann verlässt er das Heiligtum. Den Rucksack lässt er zurück. Am Dienstagabend sagte Bangkoks Polizeichef Somyot Pumpunmuang  nach Angaben der Zeitung „Bangkok Post“, beide Anschläge gingen nach Ermittlungen der örtlichen Polizei auf dieselben Angreifer zurück. In beiden Sprengkörpern seien Spuren von TNT gefunden worden, das mit einem Zeitzünder versehen in ein Rohr gestopft worden war.

          Ist es purer Zufall oder gar Einbildung, dass der Verdächtige optisch sehr an den Attentäter des Bostoner Marathons, Dzokhar Tsarnaev, erinnert? Jedenfalls gibt das Auftauchen der Bilder der Tat eine völlig unklare Wendung. Nun scheint es auch denkbar, dass ein internationales Terrornetzwerk dahinter steckt, oder eine bisher unbekannte thailändische Gruppe. Beobachter sind sich außerdem einig, dass der Anschlag von den bisher in Thailand bekannten Mustern abweicht. Zwar benutzen auch die muslimischen Aufständischen im Süden Selbstbausätze für ihre Bomben, doch operierten sie bislang fast ausschließlich lokal in den Grenzgebieten zu Malaysia. Rothemden und Gelbhemden lieferten sich dagegen bisher nur Kleinkriege. Bei den Granatenangriffen auf ihre Demonstrationszüge waren die Zahlen der Opfer und Verletzten meist niedrig. Ausländer gehörten bislang nicht zu ihren Zielen.

          Ein möglicher Anlass für weitere Repressionen

          Anders als bei anderen Anschlägen verzichtet der thailändische Regierungschef und Putschführer Prayuth Chan-ocha zunächst denn auch auf voreilige Schuldzuweisungen. Verantwortlich seien „Einzelpersonen oder Gruppen, die die Absicht haben, Thailand zu schaden“, sagte der für sein aufbrausendes Temperament bekannte frühere General in einer im Fernsehen übertragenen Ansprache. „Sie wollen unsere Wirtschaft und den Tourismus zerstören“, poltert er. Für die Militärregierung ist das ein Problem, da sie schon mit einer schwächelnden Wirtschaft konfrontiert ist. „Ein Ziel des Anschlags war mit Sicherheit, dass man einen Ort gewählt hat, an dem sich viele Touristen aufhalten, um damit auch die Wirtschaft und Tourismusindustrie Thailands zu treffen“, sagt Michael Winzer von der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) in Bangkok dieser Zeitung.

          Trauernde legen Blumen nieder und zünden Kerzen an Bilderstrecke

          Andersherum gedacht könnte der Anschlag der Militärregierung aber auch als Vorwand dienen, um ihre Herrschaft zu verlängern und die Rückkehr zur Demokratie weiter hinauszuzögern. Sie könnte argumentieren, dass es in diesen Zeiten der Krise und der Gewalt umso wichtiger sei, die Zügel fest in der Hand zu halten. Er könnte auch Anlass für weitere Repression bieten. Doch ob der Mann mit dem Rucksack tatsächlich der Täter oder vielleicht nur ein optisch passendes Bauernopfer ist, wird sich eventuell nie klären lassen. Wie die Erfahrung in Thailand lehrt, kann es auch gut sein, dass niemals ein Täter identifiziert wird. Auch bei früheren Anschlägen in Thailand hat es keine Bekennerschreiben gegeben.

          Der Anschlag komme politisch denn auch in einer „heiklen Phase“ in Thailand, sagt Michael Winzer von der KAS. Es stehe eine Kabinettsumbildung bevor und bald solle auch die neue Verfassung der Militärjunta vorgestellt und dann zur Abstimmung gebracht werden. In den vergangenen Tagen hatten sich zwei Erzfeinde der thailändischen Elite, der im Exil lebende frühere Ministerpräsident Thaksin Shinawatra und seine Schwester Yingluck Shinawatra kritisch zu dem möglichen Verfassungsentwurf geäußert. Sie befürchten, dass die thailändische Demokratie damit langfristig eingeschränkt wird, etwa dadurch, dass die Verfassung einen nur teilweise durch Wahlen bestimmten Senat vorsehe.

          Die Regierung bemühte sich am Dienstag denn auch sehr darum, den Anschein der Normalität zu wahren. Viele Spuren des Bombenanschlags wurden beseitigt. Schon am Vormittag rückten die Säuberungstrupps der Polizei mit ihren Besen an, um das Anschlagsgebiet durchzufegen. Die Kreuzung selbst wurde am Mittag wieder für den Verkehr geöffnet. Die Einkaufszentren waren wieder gut gefüllt. Viele Passanten, darunter auch einige ausländische Touristen, knipsten am Dienstag Fotos von dem Anschlagsort und machten Selfies. Und schon schien wieder alles beim Alten in der Spaß- und Kommerzmetropole Bangkok. Jedenfalls ein wenig.

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