Sklaverei in Thailand : Die Menschenfischer und ihre Köder
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Migranten aus Myanmar arbeiten auf einem Fischmarkt in der thailändischen Provinz Samut Sakhon. Bild: dpa
Thailand gilt als Urlaubsparadies, und die Menschenrechtssituation im Land wurde in Berichten vergangener Jahre wohlwollend beurteilt. In der Fischereiwirtschaft jedoch wird mit Arbeitskräften gehandelt.
Sai Ko Ko war 21 Jahre alt, als er zum Arbeitssklaven auf einem Fischkutter wurde. Ein Mittelsmann hatte den Burmesen mit der Aussicht auf einen Arbeitsplatz angelockt und ihm für den Anfang 30000 Thailändische Baht (fast 700 Euro) Anzahlung versprochen. Bis dahin hatte Sai Ko Ko, der ursprünglich aus dem Bundestaat Mon im Westen Burmas kommt, im thailändischen Grenzort Mae Sot gelebt. Auf dem Fischerboot angekommen, stellte er fest, dass man ihn „verkauft“ hatte. Der Fischer sagte ihm, er müsse nun ein Jahr lang ohne Lohn auf dem Kutter arbeiten, um den Kaufbetrag zurückzuzahlen. Aus dem einen Jahr wurden zwei. Sai Ko Ko wurde krank und konnte deshalb eine seiner zwei täglichen Fünfstundenschichten nicht übernehmen. „Der Kapitän schlug mich nieder, zog mich über den Boden und warf mich ins Meer“, sagte Sai Ko Ko.
Politischer Korrespondent für Südostasien.
Sein Schicksal mag extrem sein, aber es ist alles andere als einzigartig. Die Fischereiindustrie in Thailand ist abhängig von billigen Arbeitskräften. Das führt zu Menschenhandel und Sklaverei. Beides ist in Thailand immer noch weit verbreitet, wie Menschenrechtsorganisationen und Behörden berichten. Nach Angaben des amerikanischen Außenministeriums ist das Traumziel vieler deutscher Urlauber sowohl Quelle als auch Ziel und Transitland für den Handel mit Arbeits- und Sexsklaven. Zehntausende werden gezwungen, in der Sexindustrie ihre Körper zu verkaufen.
"Unbrauchbare" Arbeitskräfte werden ermordert
Zudem gebe es eine hohe Zahl Opfer, die in der Textilindustrie, in Fabriken und als Haushaltshilfen eingesetzt würden. Kritiker fordern deshalb, dass die Regierung in Washington Thailand in ihrem für Juni erwarteten jährlichen Bericht über den weltweiten Handel mit Menschen herunterstuft und damit Sanktionen gegen beteiligte Unternehmen forciert.
Thailand war in den Berichten der vergangenen Jahre eher wohlwollend behandelt worden. Jedoch haben nun mehrere Untersuchungen glaubwürdiger Stellen in den vergangenen Wochen auf die schweren Missstände insbesondere in der thailändischen Fischereiindustrie aufmerksam gemacht. Ihre Berichte lassen eine Zurückstufung Thailands wahrscheinlicher erscheinen. So erzählte der Burmese Sai Ko Ko seine Geschichte der „Environmental Justice Foundation“ (EJF), einer britischen Nichtregierungsorganisation. Deren Darstellung zufolge hatte er womöglich sogar Glück, dass er lebendig aus der Sache rausgekommen ist. Demnach kommt es nicht nur zu Ausbeutung, Versklavung und Misshandlung auf den Fischkuttern.
Es gebe auch viele Fälle, in denen „unbrauchbare“ oder aufmüpfige Arbeitskräfte kaltblütig ermordet würden. Eine Untersuchung der Vereinten Nationen kam im Jahr 2009 zu dem erschreckenden Ergebnis, dass sogar 59 Prozent der Opfer von Menschenhandel in der Fischindustrie Augenzeugen solcher Taten geworden seien.
Es fehlen 50 000 Arbeitskräfte
Auch andere Formen von Gewalt sind an der Tagesordnung. Einer Studie der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) nach haben schon 16 Prozent der burmesischen Fischer „schwere Schläge“ erlebt. „Sie schlugen mich, weil ich nicht genau wusste, wie die Arbeit geht“, berichtete ein Mann der EJF. „Es war wie in der Hölle.“ Der Organisation zufolge wird die moderne Sklaverei von der wachsenden Nachfrage nach billigen Meeresfrüchten angetrieben. Skrupellose Unternehmer und korrupte Behördenmitarbeiter versuchten auf dem Rücken der Arbeiter Profite zu machen.
Thailand ist der drittgrößte Exporteur von Meeresfrüchten der Welt. Das Land exportiert im Jahr Fisch und anderes Getier aus dem Meer im Wert von sieben Milliarden Dollar (etwa fünf Milliarden Euro). Täglich durchpflügen Tausende Fischkutter mit ihren Schleppnetzen die Andamanensee und den Golf von Thailand. Sie sind auf der Suche nach Thunfisch, Tintenfisch und anderen Speisefischen. Ein Teil landet auf den Tellern der Touristen, ein anderer geht in den Export, vor allem nach Amerika und Europa. Ein weiterer großer Teil wird als Beifang für die Garnelenfarmen zu Krustentierfutter verarbeitet. Es ist ein Riesengeschäft.