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Territorialkonflikt : Wut auf Bestellung

Im Eifer des Gefechts: Auch diese taiwanische Fahrrad-Fabrik wurde angezündet Bild: AP

In Vietnam verwüstet ein Mob chinesische Fabriken – in einem Land, in dem sonst jeder Protest im Keim erstickt wird. Hanoi will ein Signal an Peking senden. Der Grenzkonflikt geht in eine neue Runde.

          4 Min.

          Tausende Arbeiter hatten sich seit Dienstagabend zusammengerottet. Der vietnamesische Mob zog durch Industriegebiete, drang in ausländische Fabriken ein, verwüstete die Anlagen und steckte sie in Brand. Nationalfahnen schwenkend errichteten die Demonstranten Straßensperren und schlugen die Arbeiter der angegriffenen Fabriken in die Flucht. Manche der Unternehmen wurden zudem geplündert. Und das alles in einem Land, in dem Demonstrationen sonst im Keim erstickt werden und dessen kommunistische Einheitspartei oppositionelle Blogger gern für mehrere Jahre wegsperrt.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Aber es war eben nicht der Zorn gegen das Regime in Vietnam, der sich so seinen Weg bahnte. Es war vielmehr der Hass auf ein derzeit auch in der Staatsführung unbeliebtes Nachbarland. Ganz undiplomatisch hatte der vietnamesische Ministerpräsident Nguyen Tan Dung das Verhalten Chinas in den vergangenen Tagen als „dreist“ beschimpft. So etwas ließ sich der Mob nicht zweimal sagen. Dabei schien die Wut so grenzenlos zu sein, dass im Eifer des Gefechts neben chinesischen wohl auch taiwanische Unternehmen angegriffen wurden.

          „China get out of Vietnam!“

          In einigen Berichten war sogar von japanischen und südkoreanischen Fabriken die Rede. Nach Agenturberichten waren 19.000 Personen an den Unruhen beteiligt, bei denen rund 100 Fabriken beschädigt und 15 Gebäude in Brand gesetzt wurden. Doch was hat die Vietnamesen überhaupt so gegen das Nachbarland China aufgebracht? Auch das hatte der Ministerpräsident in seiner Ansprache am Wochenende beim ersten Treffen der südostasiatischen Staaten in Burma deutlich gemacht.

          Die Verlegung einer chinesischen Ölplattform in ein Gebiet, das etwa 80 Seemeilen innerhalb der ausschließlichen Wirtschaftszone Vietnams liege, und der Einsatz von etwa 80 militärischen und zivilen Schiffen seien „extrem gefährliche Aktivitäten“, sagte er und fügte hinzu: „Das nationale Territorium ist heilig.“ Vietnam werde seine nationale Souveränität „resolut verteidigen“.

          Und so waren in der vergangenen Woche rund um die Ölplattform mehrmals Schiffe der beiden Länder zusammengestoßen, sie hatten mit Wasserkanonen aufeinander geschossen, die Regierungen hatten sich gegenseitig die Schuld an der Eskalation zugeschoben. In Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt gingen dann am Wochenende die ersten Demonstranten auf die Straße, versammelten sich vor den chinesischen Auslandsvertretungen und hielten englischsprachige Plakate mit den Worten „China get out of Vietnam!“ („China raus aus Vietnam!“) hoch.

          Ein Jahrzehnte währender Inselstreit

          In China reagierten die Kommentatoren der Staats- und Parteimedien empört auf die Demonstrationen. Der Hintergrund des Streits ist dabei schnell benannt, wenn er auch in seinen rechtlichen und historischen Einzelheiten äußerst kompliziert ist. Schließlich streiten sich die beiden Länder schon seit Jahrzehnten darüber, wer die Hoheit über die Inselgruppen Paracel und Spratly im Südchinesischen Meer besitzt. Dort gibt es Gas- und Ölvorkommen sowie reiche Fischgründe. China macht über rund drei Viertel des Meeresgebiets, das von den Vietnamesen „Ostmeer“ genannt wird, historische Rechte geltend. Die schnell wachsende Militärmacht verfolgt ihre Ansprüche seit einigen Jahren mit wachsendem Nachdruck.

          Das übermächtige und kulturell einflussreiche Großreich China rückt den Vietnamesen derweil schon seit mehr als 2.000 Jahren auf die Pelle. Bereits im dritten Jahrhundert vor Christus waren die Truppen des Reichseinigers Qin Shihuang in das Siedlungsgebiet der Vorfahren der Vietnamesen eingedrungen. Im Jahr 1979 hatte es auch schon einmal einen kurzen, aber heftigen Grenzkonflikt gegeben. Im Zuge des schärfer werdenden Konflikts hat sich Vietnam nun sogar dem früheren Kriegsgegner Amerika angenähert. Schon in der Vergangenheit hatte die Regierung in Hanoi immer einmal wieder antichinesische Proteste toleriert.

          Unähnlich sind sich die beiden Länder nicht

          Vietnam erlaube sie einerseits, um den Menschen die Möglichkeit zu geben, ihrem Ärger insgesamt Luft zu machen, sagt Ian Storey vom Südostasieninstitut Iseas in Singapur. Aber es wolle andererseits auch eine Botschaft an China senden, dass die Präsenz der Ölplattform nahe den Paracel-Inseln als eine ernsthafte Verletzung seiner Souveränität wahrgenommen werde. Am Ende muss Vietnam aber auch aufpassen, sich mit den Ausschreitungen nicht selbst zu schaden. Wirtschaftlich sind die beiden Länder eng miteinander verflochten. Auch die Investoren aus anderen Ländern könnten verschreckt werden.

          Viele Unternehmen stellten ihre Produktion wegen der Unruhen vorübergehend ein. Zudem besteht für die Regierung die Gefahr, dass sich in die Wut auf den äußeren Feind irgendwann der Ärger über das eigene repressive Regime mischt. Nachdem es anfänglich hieß, dass die Sicherheitskräfte nur tatenlos zugesehen hätten, wurde später von mehreren Hundert Festnahmen berichtet. Im Verhältnis Vietnams zu China hat es auch immer wieder Zeiten der Kooperationen gegeben. Und auch heute hätten beide Regierungen Gründe, sich gut miteinander zu verstehen.

          Beide Länder werden von leninistischen Einheitsparteien geführt, in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten Schritte in Richtung wirtschaftlicher Reformen unternommen haben. In beiden Ländern gibt es daneben aber auch die Tendenz, ideologische Lücken mit einem wachsenden Nationalismus zu füllen, der zu einer Verschärfung der territorialen Auseinandersetzungen führt.

          China habe auch Argumente auf seiner Seite

          Seine Angriffsziele hatte sich der Mob offenbar danach ausgesucht, ob sie chinesische Zeichen oder Logos an ihren Fabriken hängen hatten. Besonders waren zwei Industrieparks in der Provinz Binh Duong betroffen, die von den Regierungen in Vietnam und Singapur als Gemeinschaftsprojekte betrieben werden. Ein Sprecher des Außenministeriums in Singapur rief die Regierung in Hanoi auf, die Ordnung dort sofort wiederherzustellen. Das Ministerium habe der vietnamesischen Botschaft seine „äußerste Besorgnis“ kundgetan, sagte der Sprecher.

          Auch China forderte Vietnam dazu auf, die Ordnung wiederherzustellen und wiederum Chinas Souveränität zu achten. Denn ganz so eindeutig, wie das von Vietnam dargestellt wird, ist die Zugehörigkeit des Teilgebiets, in dem die chinesische Bohrinsel befestigt wurde, nach Ansicht von Fachleuten nicht. China habe auch Argumente auf seiner Seite, die von internationalen Rechtsnormen gedeckt seien, heißt es. Mit der Verankerung einer Bohrinsel im Gebiet der Paracel-Inseln hat China aber auch klar mit der Gepflogenheit gebrochen, nicht einseitig den Status quo in den umstrittenen Gebieten zu ändern.

          Der amerikanische Außenminister hatte diesen Schritt deshalb als „provokativ“ verurteilt. Tatsächlich sieht derzeit alles nach einer Offensive Pekings zur Ausweitung seiner Einflusszone aus. So werfen die Philippinen China derzeit vor, an einem von beiden Ländern beanspruchten Riff Land aufzuschütten, um möglicherweise eine Landebahn oder eine Marinebasis zu bauen. Auf diese Weise zieht China nun auch in diesem Land wachsenden Zorn auf sich.

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