https://www.faz.net/-gq5-877z1

Sri Lanka : Wenn Erinnern und Trauern verboten sind

Warten auf Rückkehr: Eine Tamilin in einem Vertriebenenlager in Jaffna, deren Grundstück seit mehr als 20 Jahren vom Militär besetzt ist. Bild: Getty

Sechs Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs in Sri Lanka ist der Hass noch längst nicht überwunden. Viele Tamilen fühlen sich gedemütigt und fremdbestimmt.

          9 Min.

          Schon an der Hauptstraße weist ein Schild in Großbuchstaben den Weg zum „Terroristen-Schwimmbad“. Neben dem Parkplatz können Touristen im „Café 68“ Eis und Cola kaufen - es ist benannt nach der 68. Division der srilankischen Armee, die hier im Nordosten des Landes stationiert ist. Einer der Soldaten führt gut ein Dutzend Besucher durch den Dschungel, vorbei an einer Affenherde, zu einem leeren Schwimmbecken.

          Friederike Böge
          Politische Korrespondentin für China, Nordkorea und die Mongolei.

          Dabei gibt er Erläuterungen auf Singhalesisch. Tamilisch spricht er nicht, obwohl die große Mehrheit der Bevölkerung in diesem Teil des Landes nur diese Sprache versteht. Die Touristen aus dem Süden beugen sich mit ihren Handykameras über den Rand des Beckens, das an seiner tiefsten Stelle fast sieben Meter tief ist.

          Angeblich, so heißt es in einer Inschrift unter der Überschrift „Terroristen-Schwimmbad“, bildeten die Separatisten der „Befreiungstiger von Tamil Eelam“ (LTTE) hier ihre Taucher aus, die berüchtigt für Selbstmordattentate gegen die srilankische Marine waren. Auch der Guerrilla-Führer Velupillai Prabhakaran soll sich hier bis zu seinem Tod im Mai 2009 „im Luxus treiben lassen“ haben, während „die Nation im Blut versank“.

          Im Norden Sri Lankas gibt es eine ganze Topographie solcher Stätten des Siegertourismus: ein Monument zu Ehren der beteiligten Militäreinheiten; eine Schau der erbeuteten U-Boote der Rebellen; eine Fahne, die den angeblichen Todesort Prabhakarans markiert, und eine Fotoausstellung, die die „Humanitäre Operation von Wanni“ dokumentiert - eine Propagandalüge, der zufolge alle Zivilisten aus dem Kriegsgebiet gerettet wurden.

          An jedem dieser Orte stehen Soldaten bereit, um den Besuchern ihre Sicht der Geschichte zu erzählen; und an jedem dieser Orte werden Strohhüte verkauft, die von verwundeten Soldaten geflochten wurden.

          Kein Schild und kein Mahnmal erinnert dagegen an die 300.000 Tamilen, die hier vor sechs Jahren auf einem schmalen Streifen zwischen Küste und Lagune in vermeintlichen „Schutzzonen“ eingekesselt waren. Kein Wort über die bis zu 40.000 Zivilisten, die nach UN-Schätzungen in den letzten fünf Monaten des Bürgerkriegs, als menschliche Schutzschilde von den Rebellen missbraucht, den Bomben der Armee zum Opfer fielen.

          Alkohol, harte Drogen und Pornographie

          Auch nicht über die 280.000 Tamilen, die nach dem Sieg der Armee ein Jahr lang in Internierungslager gezwungen wurden. „Es ist traurig, dass die Leute hierherkommen und sich alles wie eine Ausstellung anschauen, ohne die menschlichen Schicksale dahinter zu sehen“, sagt eine Frau, die früher in der Administration der LTTE tätig war. Nur wer genau hinschaut, unter Sträuchern und Erde, findet noch stumme Zeugen der Hölle von Mullivaikal, der letzten Schlacht im Mai 2009: einen einzelnen Badelatschen; ein verrosteten Fahrradkorb; Reste explodierter Munition.

          Das Verbot zu erinnern, die Nichtanerkennung des tausendfachen Leids, der Triumphalismus und die Allgegenwart des Militärs haben in der Bevölkerung des Nordens ein tiefempfundenes Gefühl von Demütigung und Fremdbestimmung hinterlassen. Sechs Jahre nach Kriegsende werden das Militär und „die Leute aus dem Süden“ von vielen noch immer als Bedrohung empfunden, nicht mehr für Leib und Leben, aber für die eigene Würde, die eigenen kulturellen Werte und den Zusammenhalt der Gemeinschaft.

          Weitere Themen

          Grünes Licht für die „Ampel“ Video-Seite öffnen

          Votum der Delegierten : Grünes Licht für die „Ampel“

          Der Länderrat der Grünen stimmt der Aufnahme von Koalitionsverhandlungen mit SPD und FDP zu. Der SPD-Vorstand hat den Weg für die Aufnahme der Verhandlungen bereits freigemacht.

          Sehnsucht nach Vergeltung

          Spannungen im Libanon : Sehnsucht nach Vergeltung

          Beirut wurde von Gefechten erschüttert, wie sie die Stadt lange nicht mehr erlebt hat. Nun wächst die Sorge vor einem neuerlichen Bürgerkrieg. Unterwegs in einer Stadt, die auf das nächste Unheil wartet.

          Topmeldungen

          Innen nur 2-G: Und trotzdem bleibt, auch in diesem Braunschweiger Gasthaus, die Ansteckungsgefahr relativ groß.

          Vorschlag von Forschern : Acht Parameter gegen Corona

          Trotz 2-G-Regeln bleibt die Gefahr für eine Corona-Ansteckung in Innenräumen groß. Wissenschaftler um den Virologen Hendrik Streeck haben eine Checkliste entworfen, wie sich die Gefahr etwa in Restaurants verringern lässt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.