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Singapurs Staatsgründer tot : Der große Konfuzianer

Lee Kuan Yew Bild: AFP

Er hat stets die Disziplin über die Demokratie gestellt. Im Alter von 91 Jahren ist Lee Kuan Yew nun gestorben. Seinen Nachfolgern drohte er einst, er werde aus dem Grab steigen, wenn etwas in Singapur nicht richtig laufe. Der erfolgreiche Stadtstaat ist sein Vermächtnis.

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          Seinen Nachfolgern drohte Lee Kuan Yew, er werde aus dem Grab steigen, wenn etwas in Singapur nicht richtig laufe. Der erfolgreiche Stadtstaat, die Schweiz Asiens, ist sein Vermächtnis. Das Pro-Kopf-Einkommen ist eines der höchsten, die Arbeitslosenrate gering, die Verwaltung arbeitet effizient und nicht korrupt. Für Unternehmer ist die Hafenstadt das Tor zu Asien. Trotz multiethischer Bevölkerung kommt es nicht zu Gewalt aufgrund von Religion und Ethnie. Doch nicht nur wegen der Wandlung Singapurs vom sumpfigen Hafennest zur Modellstadt ist er einer der bedeutendsten Politiker Asiens. Die Führer Chinas und Indonesiens holten sich bei ihm Rat.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Er war ein scharfsinniger Welterklärer, der im Gespräch über die Kontinente und durch die Historie ritt, als wäre es intellektuell ein Katzensprung vom Kaiser Qianlong zur Euro-Krise. Jahrzehntelang hieß es deshalb: Wer nach Singapur reist, der hofft auf einen Termin mit Lee Kuan Yew. Ein häufiger Gast war Altbundeskanzler Helmut Schmidt, der ebenfalls gern Exkurse über Politik und Geschichte hält, und der mit Lee Kuan Yew befreundet war.

          Laut Richard Nixon war es ein Verlust, dass einer wie Lee nicht auf größerer Bühne agierte. Aber die Begrenztheit Singapurs war auch ein Vorteil. Nachdem es ihm nicht gelang, Singapur dauerhaft Malaysia anzugliedern (die Unabhängigkeit im Jahr 1965 nannte er einen historischen Unfall), wurde die Insel zum Soziallabor. Er schuf einen paternalistischen Staat, in dem jeder Bürger Recht auf subventionierten Wohnraum bekam und der wegen sinkender Geburtenraten sogar die Menschen miteinander verkuppelte. Manche nannten das „Socialism that works“, andere sehen Kapitalismus in Reinform. Lee hatte jedoch mit Ideologie nichts am Hut. Während seine „People’s Action Party“ aus linker Ecke stammte, verbrachte sie ihre Anfangszeit vor allem im Kampf gegen malaiische Kommunisten.

          Mit politischen Gegnern ist Lee nie zimperlich gewesen. Sie wurden mit teuren Verleumdungsklagen ausgeschaltet. Die Partei hat meist bis zu Dreiviertel der Stimmen bekommen, erst im Jahr 2011 waren es „nur“ 60 Prozent, das schlechteste Ergebnis seit der Unabhängigkeit. Kurz nach der Wahl gab der Gründervater seinen endgültigen Rückzug bekannt. Da war er längst nicht mehr Premierminister, hatte aber noch als „Minister Mentor“ die Politik bestimmt.

          Wenig Widerstand

          Doch sein Projekt hat er in vertraute Hände übergeben, derzeit in die seines ältesten Sohnes, des Regierungschefs Lee Hsien Loong.  Allerdings haben sich in der vernetzten Welt auch die Ansprüche der Singapurer geändert. Es ist daher fraglich, wie lang sein Modell ihn überleben wird. Widerstand gibt es derzeit aber weder gegen die Zensur, die Prügelstrafe, die Todesstrafe für Drogenhandel und das berühmte, aber mittlerweile abgeschwächte Kaugummiverbot. Lee Kuan Yew hat stets die Disziplin über die Demokratie gestellt. Der in Oxford studierte Anwalt lernte erst als Erwachsener Chinesisch, die Sprache seiner Vorfahren.

          Doch in seinem Herzen war er ein Anhänger der konfuzianischen Ordnung mit einer hierarchisch geführten Gesellschaft, die auf der Familie aufbaut und an deren Spitze eine moralische Autorität steht, die das Wohl des Volkes im Blick hat, die Bildung fördert und die Besten dafür belohnt, dass sie dem Staat dienen. In dem er sich auf asiatische Werte berief, rechtfertigte er auch das autoritäre System.

          Im modernen Büro- und Geschäftsviertel hängt ein Megaposter des Premierministers Bilderstrecke
          Im modernen Büro- und Geschäftsviertel hängt ein Megaposter des Premierministers :

          Selbst freiheitsliebende Europäer sind dabei oft beeindruckt von dem, was der „kleine rote Punkt“ auf der Landkarte erreicht hat. Im chaotischen Asien ist die Insel eine Oase der Ordnung. Die eiserne Disziplin, die Lee Kuan Yew seinem Land aufbürdete, dürfte auch damit zu tun haben, dass er das kleine Singapur stets als besonders bedroht verstand. Ein Land ohne eigene Ressourcen, das sich an einer strategisch wichtigen Stelle an der Straße von Malakka befindet.

          Besonders China hat er mit wachsamem Auge verfolgt. Aber das Interesse war stets beiderseitig. Seitdem Deng Xiaoping 1978 Singapur besuchte und danach die Öffnung Chinas mit seinen Sonderwirtschaftszonen vorantrieb, sind immer wieder chinesische Führer zu ihm gekommen. Ihre Vorstellung von Entwicklung, öffentlicher Ordnung und limitierten Freiheiten beruht auch auf dem Modell Singapurs.

          Lee Kuan Yew könnte deshalb auch irgendwann einmal als Gründer einer als spezifisch asiatisch empfundenen Form der Organisation von Staat und Gesellschaft gesehen werden, die dort so oder ähnlich schon heute an vielen Orten angestrebt wird. Aber viele empfinden es auch als rückwärtsgewandt. Sie glauben, dass Singapur sich von diesem Modell, das auch für mangelnde Kreativität und geistige Enge steht, lösen muss, um in einem veränderten Asien der Vorreiter zu bleiben.

          An diesem Sonntag ist Lee Kuan Yew im Alter von 91 Jahren gest6orben. Das teilte das Büro seines Sohnes, des Ministerpräsidenten Lee Hsien Loong mit. Lee Kuan Yew war Anfang Februar mit einer Lungenentzündung ins Krankenhaus gekommen und wurde zuletzt künstlich beatmet.

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