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Till Fähnders (fäh.)

50 Jahre Singapur : Asiatische Werte reichen nicht

  • -Aktualisiert am

Lange ein Vorbild für den asiatischen Raum: der Singapurer Finanzdistrikt Anfang März Bild: dpa

Selbstgefällig bis zur Arroganz: Die Singapurer Elite ist zu Recht stolz auf ihre wirtschaftlichen Erfolge. Doch sie läuft Gefahr, den Wandel zu mehr Demokratie zu verpassen.

          Kann man sich im Alter von fünfzig Jahren noch ändern? Wahrscheinlich ist das schwierig, wenn die Liste der Erfolge so lang ist wie im Fall des asiatischen Stadtstaats Singapur. Er hat in einem halben Jahrhundert etwas erreicht, was viele andere Länder auch nach Hunderten von Jahren nicht geschafft haben. Doch die Elite des südostasiatischen Erfolgsmodells trägt eine Selbstgefälligkeit zur Schau, die an Arroganz grenzt. Natürlich können sie stolz sein auf einen attraktiven Wirtschafts- und Finanzstandort, auf hervorragende Bildungseinrichtungen und die niedrige Kriminalitätsrate. Kein anderes Land scheint heute besser für das „asiatische Jahrhundert“ gerüstet zu sein als Singapur, das zum Zentrum von Handel, Bankenwesen und Bildung der Region avanciert ist.

          Doch die Zeiten sind vorbei, in denen sich ein autoritärer Regierungsstil mit materiellen, ordnungs- und bildungspolitischen Erfolgen und dem Hinweis auf angebliche „asiatische Werte“ rechtfertigen ließe. Die meisten Menschen wollen mehr als die sogenannten fünf Cs, die als Erfüllung des Singapurer Traums gelten, nämlich Cash, Car, Credit Card, Condominium und Country Club membership. Zu Deutsch: Bargeld, Auto, Kreditkarte, Wohneigentum und die Mitgliedschaft im Country Club, um die privilegierten Sport- und Erholungsanlagen an der Peripherie nutzen zu können. Nein, die Leute in Singapur wollen außerdem mitbestimmen. Mit den sozialen Netzwerken im Internet haben die Menschen eine Plattform entdeckt, auf der sie ohne Hemmschwelle ihre Kritik, ihre Wünsche und ihre Sorgen loswerden können.

          Neue Kritik an der Regierung

          Die Regierungspartei hat diese Veränderung schon bei den vorigen Parlamentswahlen im Jahr 2011 zu spüren bekommen. Eine Mehrheit von etwas mehr als sechzig Prozent ist in anderen Ländern ein Erdrutschsieg. In Singapur, wo erst im Jahr 1981 zum ersten Mal ein Oppositionspolitiker einen Sitz im Parlament bekommen hatte, war das Wahlergebnis ein Denkzettel. Deshalb spricht die einheimische Elite nun von einer „neuen Normalität“. Dazu gehöre auch, dass Kritik an der Regierung möglich sein müsse.

          Der nächste Urnengang könnte schon im September bevorstehen. Es ist gut möglich, dass die Regierung dann noch von den patriotischen Gefühlen profitieren wird, die der Tod des Gründungsvaters Lee Kuan Yew und das goldene Jubiläum des Stadtstaats in diesem Jahr geweckt haben. Doch auf Dauer wird die regierende „People’s Action Party“ ihren paternalistischen Alleinvertretungsanspruch nicht aufrechterhalten können. Die vielbeschworene Meritokratie in allen Ehren – aber man kann sich auch nicht eine der am besten ausgebildeten Bevölkerungen der Welt heranziehen und sie dann weiter bevormunden.

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          Immer noch Blogger vor Gericht

          Mittlerweile sprechen selbst die Verteidiger des „Singapurer Modells“ davon, dass mehr Offenheit, Meinungsvielfalt und politische Partizipation erlaubt sein müssen. Allerdings ist fraglich, ob die Elite von ihren eigenen Privilegien lassen wird. Immer noch werden beispielsweise kritische Blogger wegen angeblicher Verleumdung vor Gericht gezerrt. Mehr politische Freiheit bringt aber Vorteile. Handels- und Finanzzentren gibt es heutzutage viele in Asien. Mit seinem Vorsprung, was Wohlstand und Bildung angeht, kann Singapur sich zu einer Heimat der Informations- und Ideenwirtschaft entwickeln.

          Dafür braucht es aber Mut, Kreativität und offenes Denken. In einem freieren System würde auch der Druck zunehmen, die Bedürfnisse der Menschen zu achten. Sie leiden unter langen Arbeitszeiten, hohen Lebenshaltungskosten und der als Belastung empfundenen Einwanderung. Das Prinzip „Papa weiß es am besten“, das jahrelang in Singapur galt, hat jedenfalls ausgedient.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

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