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Selbstmordewelle in Indien : Der Tag, an dem Sujit Singh Mäusegift trank

Bewässerung per Monsun: Mit einfachsten Mitteln bestellen Indiens Bauern ihre Felder – so wie dieser Mann im indischen Telangana. Bild: AFP

Indiens Landwirtschaft ist ineffizient und wirft kaum etwas ab. Immer mehr Bauern geraten in die Schuldenfalle – und begehen Selbstmord. Manche gar aus Protest gegen die Regierung.

          Der Traktor schiebt eine Welle aus Matsch und Wasser vor sich her. Auf dem Fahrersitz thront ein kräftiger junger Mann mit einem tiefschwarzen Bart und einem orangefarbenen Turban auf dem Kopf. Das Gefährt kommt am Rand des Feldes zum Stehen. Der Mann springt ab und watet durch das knöcheltiefe Wasser. „Ich hatte nicht einmal eine Ahnung, wie man einen Traktor fährt, sie mussten es mir beibringen“, sagt Kulwinder Singh und zeigt auf ein paar Nachbarn, die am Feldrand stehen. Die Männer schauen verdruckst herüber. „Ich trage jetzt die ganze Verantwortung“, sagt der 32 Jahre alte Mann, der wie die meisten Inder im Punjab zum Volk der Sikhs gehört.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Die Bauern im Punjab, der Kornkammer im Nordwesten Indiens, beginnen jedes Jahr im Juni mit der Reispflanzung. Kulwinder Singh bereitet dafür an diesem Tag den Boden vor. Die Arbeit sei hart, sagt der Bauer und deutet auf seine schlammverschmierten Füße. Um zwei Uhr nachts steht er auf. Freiwillig tut er das nicht. Bis vor kurzem hatte sich sein Vater allein um alles gekümmert. Doch vor zwei Wochen hat sich Sujit Singh im Alter von 62 Jahren das Leben genommen. Was er hinterlassen hat, sind Schulden, ziemlich viele sogar, und eine Familie, die nicht mehr ein noch aus weiß.

          Die Erde ist dunkelbraun, der Himmel von einem feuchten Grau bedeckt, ein Vorgeschmack auf den aus dem Süden anrückenden Monsun. „Ich habe keine Ahnung, wie das alles eigentlich passiert ist“, sagt der Sohn. Er schaut mit wässrigen Augen über den nassen Acker. Erst langsam werde er gewahr, wie viel Geld der Vater von den Banken, Kooperativen und anderen Gläubigern in der Gegend geliehen habe. Immer mehr von ihnen meldeten seit dessen Tod ihre Ansprüche bei der Familie an. „Es sind schon mehr als neun Lakh“, sagt der Bauer, also 90.0000 Rupien, umgerechnet etwa 13.000 Euro.

          Auf den Feldern nebenan setzen die Saisonarbeiter mit gekrümmten Rücken die kleinen grünen Reispflanzen ein. Sie kommen aus armen Bundesstaaten wie Bihar und Uttar Pradesh. Die Bauern im Punjab sind den indischen Verhältnissen nach relativ wohlhabend, sie leisten sich neben den Hilfsarbeitern auch Maschinen, die die Arbeit erleichtern und ihre Höfe produktiver machen. Wie der Traktor, auf dem Kulwinder Singh saß, werden die meisten Maschinen gemeinschaftlich von mehreren Familien angeschafft und genutzt. Hungern müssen die Bauern also nicht, wie in manch anderen Regionen Indiens. Jedoch begehen nun auch im Punjab immer mehr Landwirte Selbstmord. Sie erhängen sich an Bäumen oder trinken Pflanzengift.

          Das Haus von Sujit Singh und seiner Familie steht einige Kilometer weiter an einer staubigen Straße. Das Dorf heißt Dadu Marja und liegt im Bezirk Fatehgarh Sahib, etwa 200 Kilometer Luftlinie von der Grenze zu Pakistan entfernt. Wie eine halbrunde Palastkuppel ragt ein Strohgebilde in die Höhe. Darin lagert die Familie einen Berg aus Kuhdung. Er ist ein wichtiger Rohstoff, der unter anderem zum Feuermachen verwendet wird. Hinter dem Haus stehen ein Rind und zwei dicke schwarze Büffel. Im Wohnzimmer sitzt die Witwe des Bauern, eine Frau mit faltigem Gesicht, einer schiefen Zahnreihe und kräftigen Händen. Sie hat ein dünnes Tuch über ihren Kopf geschlungen. Zwei Männer mit hochgezwirbelten Schnurrbärten sitzen neben ihr und reden ihr gut zu. „Passt auf, wenn einer von der Bank kommt, müsst ihr vielleicht nicht alles zurückzahlen. Kommt zu uns, und wir sagen euch, was ihr machen könnt“, sagt einer der Männer. Sie gehören zum örtlichen Bauernverband.

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