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Russlands erster Homosexuellen-Aktivist : „Uns waren nur ein paar Jahre der Freiheit vergönnt“

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Vorreiter der Homosexuellen-Bewegung in Russland: Roman Kalinin Bild: Roman Kalinin

Erster Homosexuellen-Verband, erste Homosexuellen-Zeitschrift, erster Homosexuellen-Club: Roman Kalinin hat dem Aktivismus für Schwule und Lesben in Russland den Pfad geebnet. Ein Interview.

          Roman Kalinin gilt als der erste Homosexuellen-Aktivist Russlands. 1989 gründete er in Moskau den ersten Homosexuellen-Verband, wenig später Russlands erstes Homosexuellen-Magazin. Dann gründete er Russlands ersten Club für Homosexuelle. Kalinin kämpfte gegen die Stigmatisierung und Gewalt von Schwulen und Lesben. Mit Erfolg. 1993 schaffte die Regierung Jelzin den Strafrechtsartikel 121 ab, der für Geschlechtsverkehr zwischen Männern bis zu fünf Jahre Haft vorsah. Seit 1999 gilt Homosexualität in Russland nicht mehr als Geisteskrankheit. Putin drehte nun das Rad zurück: Mehr als 20 Jahre nach Beginn von Kalinins Kampf gibt es wieder ein Anti-Homosexuellen-Gesetz. „Es ist wie ein Albtraum“, sagt Kalinin.

          Im Gespräch mit FAZ.NET erzählt der mittlerweile 53 Jahre alte Moskauer von seinen Anfängen als Aktivist im homophoben Russland, spricht über seine Rolle im Augustputsch 1991 und seine früheren Ambitionen auf das russische Präsidentenamt. Mit Präsident Putin geht er hart ins Gericht – aber auch den Westen nimmt Kalinin in die Pflicht.  

          Herr Kalinin, sie gelten als der erste offen Homosexuelle Russlands. Wann wurde Ihnen bewusst, dass Sie homosexuell sind?

          Ich wurde schwul geboren. Ich habe mich nie unwohl deswegen gefühlt. Es ist phantastisch, anders zu sein!

          Wie verlief ihr Coming-Out vor Familie und Freunden?

          Ich habe meiner Familie nie von meiner Homosexualität erzählt. Der KGB berichtete ihr davon, als ich bereits zum Aktivisten geworden war. Das hat mich zu der Zeit aber nicht wirklich interessiert.

          Was hat Sie denn zu dieser Zeit interessiert?

          1989, ich war noch Student, begann ich für die Partei „Demokratische Union“ zu arbeiten. Ich publizierte damals das Parteiblatt. Zu dieser Zeit wurde mir klar, dass ich mein Schwulsein nicht mehr verstecken konnte, und so startete ich Ende 1989 eine Homosexuellen-Zeitschrift, die „Tema“.

          Was sollte „Temaerreichen?

          „Tema” war ein unregelmäßig erscheinendes Magazin, mit Artikeln über berühmte Homosexuelle aus Russland und westlichen Kulturen sowie Informationen über Homosexuellen-Aktivismus in Russland. Außerdem natürlich mit Kontaktanzeigen, die waren der beliebteste Teil. Das Ganze entstand besonders aus der Idee, dass die Menschen vor allem Informationen brauchten. Für viele Leute war es ein Schock zu erfahren, dass Homosexuelle existierten. Und für viele Homosexuelle war es ein Schock, dass über Ihr Leben offen gelesen und gesprochen wurde. Das ist heute schwer nachzuvollziehen, doch Informationen und diese Zeitschrift – das war damals eine Tür zur Freiheit. Ich habe hunderte Dankesbriefe erhalten. Für manche Menschen war es zum Beispiel eine Tragödie, dieses Verständnis erst im Alter von 50 Jahren zu erfahren.

          Wie ging die russische Gesellschaft damals mit Homosexualität um – und was hieß das für Sie als Aktivisten?

          Die „Tema“ war ein erster Schritt zur Befreiung der russischen Homosexuellen. Es gab nun mal keine öffentlichen Informationen über Homosexuelle zu dieser Zeit. Die meisten Menschen hatten nie etwas davon gehört. Homosexuell zu sein, dass war ein Verbrechen. Sex zwischen zwei Männern wurde mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft. Ein paar hundert Schwule saßen somit Mitte der achtziger Jahre hinter Gittern. Homosexuelle waren sehr verängstigt und trafen sich miteinander nur in ganz kleinem Kreis. Es gab keine Clubs, kein Sozialleben. Dann begann die „Perestroika“, und das war unsere Chance auf Freiheit.

          Der Augustputsch reaktionärer Kommunisten 1991 wandte sich gegen die demokratisierenden Reformen Michael Gorbatschows. Sie waren damals mitten im Geschehen…

          Ich kopierte und verteilte Flyer, in denen das demokratische Parlament Informationen über die Pläne der Sowjets verbreitete und zur Unterstützung aufrief. Für uns war das damals kein Spiel - wir waren ein Teil der demokratischen Bewegung. Ich und meine Freunde warteten vor dem Parlament auf die Armee, wir waren bereit zu kämpfen.

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