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Philippinen : Präsident im Blutrausch

Viele Familien haben Opfer zu beklagen.

Die Ehefrau bezweifelt das, allein schon weil ihr Mann einen gebrochenen Arm gehabt habe und kaum zu einem Angriff auf die Polizisten fähig gewesen sei. Der Name Jaypee Bertes habe aber auch auf einer der Liste mit Drogensüchtigen und Dealern gestanden, sagt die 26 Jahre alte Frau. Aus diesem Grund glaubt sie, dass ihr Ehemann Opfer von Dutertes Anti-Drogen-Krieg geworden ist. Die Polizei fühle sich durch die Regierungsvorgaben offenbar unantastbar. „Sie sind durch die Aussagen des Präsidenten in einen Blutrausch verfallen. Sie sind durch die ganzen Tötungen wie aufgepumpt“, sagt sie über das Verhalten der Polizisten.

Kriminalitätsrate um 49 Prozent gesunken

Die Behörden behaupten nun, es werde gegen die zwei Polizisten, die ihren Ehemann und seinen Vater erschossen haben sollen, wegen Mordes ermittelt. Aber die Ehefrau glaubt auch das nicht. Zudem gibt es keine wirklich unabhängige Aufsicht über die Ermittlungen. Die einzigen Institutionen, die dem Präsidenten öffentlich die Stirn bieten, der Senat und die Menschenrechtskommission, sind weitgehend machtlos. Sie werden täglich in den sozialen Netzwerken von den Anhängern Dutertes angefeindet. Der Senatorin Leila de Lima, die Duterte kritisiert hatte, warf dieser vor, sie habe eine Affäre mit ihrem Chauffeur und sei selbst in Drogengeschäfte verwickelt. „Wenn ich de Lima wäre, meine Damen und Herren, dann würde ich mich selbst erhängen“, wetterte Duterte.

Kaum jemand sonst traut sich in dieser Atmosphäre, öffentlich gegen den Anti-Drogen-Krieg Stellung zu beziehen. In der Bevölkerung ist die Rückendeckung für Dutertes Kurs noch immer hoch. Im Juli befürworteten ihn laut einer Umfrage 91 Prozent der Filipinos. Seine Gossensprache stört zwar viele der gebildeteren Filipinos. Aber sein Image als gnadenloser Kriminalitätsbekämpfer war genau das, wofür sie ihn gewählt haben. Die Menschen auf den Philippinen seien frustriert gewesen, weil die Vorgängerregierung des reformorientierten Präsidenten Benigno Aquino das Thema vernachlässigt habe, heißt es allenthalben.

Die Polizei berichtet nun stolz, dass die Kriminalitätsrate seit Dutertes Amtsübernahme vom 30. Juni um 49 Prozent gesunken sei. Vor allem die Zahl der Eigentumsdelikte soll gesunken sein. Unklar ist, ob dies auch daran liegen könnte, dass die Polizei ihre Patrouillen erhöht hat, oder sogar daran, dass die Polizei zu sehr mit dem Anti-Drogen-Kampf beschäftigt ist, um sich um Anzeigen anderer Verbrechen zu kümmern. Die Basis, auf der die Polizei ihren Kampf führt, sind die unzähligen Listen mit Namen auffällig gewordener Drogensüchtiger oder Kleindealer. Fast täglich führt die Polizei nun Operationen durch, die als „Tokhang“ bezeichnet werden. Sinngemäß übersetzt heißt das „Klopfen und Ermahnen“. Der Begriff stammt von Duterte und meint die Praxis, dass die Polizisten von Haus zu Haus gehen und die Süchtigen auffordern, keine Drogen mehr zu nehmen. Dabei werden gleichzeitig die Namenslisten aktualisiert und ergänzt. Wer abermals erwischt wird, muss ins Gefängnis.

Kein Recht auf einen Anwalt

Eine dieser Operationen findet am Morgen in dem Viertel Pansol statt. Dort wollen der Polizeiinspektor Ricardo Gomez und seine Kollegen mit fünf Personen sprechen, die auf ihrer Liste als Priorität verzeichnet sind, weil sie angeblich weiter Crystal Meth zu sich nehmen. „Im Vordergrund steht die Ermahnung, es nicht mehr zu tun“, sagt der Inspektor. Die Polizisten machen an einem Geschäft für Schweißarbeiten halt. Inspektor Gomez schüttelt die Hände von zwei Männern. Die Polizisten sind schon fast übertrieben freundlich. Die Männer sagen, sie hätten aufgehört, Drogen zu nehmen, seitdem Duterte vereidigt worden sei. Eine Polizistin nimmt dennoch ihre Daten auf. Sie füllt einen Fragebogen aus, in dem die Männer unter anderem angeben sollen, von welchen Dealern sie ihre Drogen beziehen. Dann müssen sie ihre Fingerabdrücke abgeben. Die Möglichkeit, sich zu weigern oder gar einen Anwalt einzuschalten, haben sie nicht.

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