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Philippinen : Präsident im Blutrausch

Gezielte Todeskommandos auf den Straßen

Der Streit wäre geradezu unterhaltsam, wenn er nicht einen so ernsten Hintergrund hätte. Mittlerweile finden in Manila täglich Trauerfeiern für die Opfer des Drogenkrieges statt. Es ist nicht einmal 48 Stunden her, dass Salvador Lucasia mit zwei Kugeln im Körper gefunden wurde. Nun liegt der Leichnam des 40 Jahre alten Mannes aufgebahrt in einem weißen Sarg unter einem Zelt im Viertel Bagong Silangan in der philippinischen Hauptstadt. Wie eine Wachsfigur erscheint der mit Make-up zurechtgemachte Leichnam. Er liegt unter einer Glasscheibe, die den geöffneten Sarg bedeckt. Auf die Scheibe haben Angehörige eine Zigarette, ein Feuerzeug und ein paar Streichhölzer gelegt. Außerdem laufen zwei gelbe Hühnerküken über das Glas. Sie gehören zu einem Bestattungsritual für Mordopfer: Die Küken sollen auf das Gewissen des Mörders einpicken, damit er sich zur Tat bekennt.

Auf einem Plastikstuhl vor dem Sarg sitzt Irma Lucasia, die Mutter des Verstorbenen. „Es ist schwer, über seinen Tod zu sprechen, weil die Polizei involviert ist“, sagt sie und sagt dann doch, dass ihr Sohn sterben musste, weil sein Name auf einer Liste von Dealern und Süchtigen stand. Ihr sei berichtet worden, dass der Sohn bei einer Trauerfeier von vier maskierten Männern aus der Menge geholt worden war. „Wer von euch ist Salvador Lucasia?“, hätten sie gefragt. Die anderen Gäste seien weggeschickt worden und hätten vier Schüsse gehört. Zwei Kugeln trafen Salvador Lucasia, eine in die Brust, die andere in den Kopf.

Harra Kazou, die Witwe eines Mordopfers, erhebt schwere Vorwürfe gegen die Polizei.

Es klingt nach einem gezielten Todeskommando. Die offizielle Darstellung, die in den philippinischen Zeitungen steht, hört sich anders an. Ihr zufolge wurde Salvador Lucasia erwischt, als er Crystal Meth an einen getarnten Testkäufer der Polizei verkaufen wollte. Als er gemerkt habe, dass er in eine Falle geraten sei, habe er versucht zu fliehen. Von den Beamten eingekreist, habe er das Feuer eröffnet. Demnach wäre es also Notwehr gewesen. Doch die Nachbarinnen schütteln den Kopf. Hier seien seit Juli schon zehn Menschen wegen Drogen getötet worden, sagt eine von ihnen, mehrere davon von maskierten Männern. „Das ist alles sehr verdächtig“, raunt sie.

Auf der Wache erschossen

Die Morde erinnern an das, was einst aus der Stadt Davao berichtet wurde, in der Rodrigo Duterte mehr als 20 Jahre lang Bürgermeister war. Dort sollen unbekannte Mordkommandos für mehr als 1400 Tote verantwortlich sein, die meisten davon Kleinkriminelle, Drogenabhängige und Straßenkinder. Nun sieht es so aus, als werde Davao zur Vorlage für das ganze Land. So behauptete eine Frau in einem Interview mit dem britischen Sender BBC, sechs Personen im Auftrag der Polizei erschossen zu haben. Manche glauben auch, es könnte sich um die Taten rivalisierender Banden und korrupter Polizisten handeln. Sie könnten versuchen, ihre Verbindungen ins Drogenmilieu zu verschleiern.

Die Zahl der in Polizeieinsätzen Getöteten ist landesweit schon auf mehr als 1000 angestiegen. Einer der bekanntesten Fälle ist der von Jaypee Bertes. Er wurde am 6. Juli in einer Polizeiwache in Manila getötet. Präsident Duterte war da erst ein paar Tage im Amt. Bertes’ Ehefrau Harra Kazou wagte es, öffentlich über die Ermordung ihres Mannes zu sprechen. Sie hat vor einem Untersuchungsausschuss des Senats ausgesagt und wird nun durch ein Zeugenschutzprogramm bewacht. Die Frau sitzt im Büro der philippinischen Menschenrechtskommission in Manila. Sie streichelt über ihren Bauch, in dem ihr zweites Kind heranwächst. Seinen Vater wird es nie kennenlernen. Die Polizisten waren Anfang Juli in ihr Haus gekommen. Sie hätten alles nach Drogen durchsucht, sogar die Windel ihrer zweieinhalb Jahre alten Tochter. Gefunden hätten sie nichts, sagt die Frau. Dennoch nahmen sie den Ehemann und seinen Vater mit auf die Wache. Dort wurden die beiden später erschossen aufgefunden. Die Polizisten hätten in Notwehr das Feuer eröffnet, weil ihr Mann nach einer Waffe gegriffen habe, heißt es offiziell.

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