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Tschetschenien : Flammen der Rache

Inszenierung der Macht: Ramsan Kadyrow inspiziert seine bewaffneten Kräfte Ende Dezember Bild: AP

Die vergiftete Atmosphäre in Russland strahlt bis in die Kaukasus-Republik Tschetschenien. Andersdenkende und Regime-Kritiker werden überfallen und ihre Büros angezündet. Putins Statthalter Ramsan Kadyrow heizt die Stimmung an.

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          Im Zimmer sieht man noch die Spuren des Feuers. Rußgeschwärzte Stühle, angebrannte Dielenbretter. An der Stelle, wo die Eindringlinge die Tür aufhebelten, ist der Stahl verbogen. In der Wohnung daneben liegen Aktenordner mit Rußrand: Dokumente zu Fällen von Entführten und Misshandelten in Tschetschenien, welche die Mitarbeiter des „Komitees gegen Folter“ in Grosnyj zusammengetragen haben.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Anton Ryschow, ein junger Jurist von der Nichtregierungsorganisation, zeigt den aufgebrochenen Rekorder, aus dem ein Band mit Aufzeichnungen der Überwachungskamera herausgerissen wurde. Ryschow sagt, sie wollten weiterarbeiten. Mit neuer, besserer Überwachung. Obwohl sie wissen, dass auch die kein Schutz ist. Dass es für die Menschenrechtsaktivisten keine Sicherheit gibt, sagt viel über die Lage in Tschetschenien aus, der russischen Teilrepublik, die nach zwei Kriegen nur vordergründig befriedet ist. Und auch über die Lage in Russland.

          Offiziell sind die Leute, die an einem Samstag im Dezember in das Büro des „Komitees gegen Folter“ im Zentrum der Hauptstadt von Tschetschenien einbrachen und dort Feuer legten, unbekannt. Die Wohnung daneben, die Mitarbeitern des Komitees als Wohnung dient, ließen sie unbehelligt. Kurz vor dem Brand hatte Ramsan Kadyrow - das, so der offizielle Titel, „Oberhaupt“ der russischen Teilrepublik - mitgeteilt, „ein Mensch mit dem Nachnamen Kaljapin“ habe den „Banditen“ das Geld für den Terrorangriff auf Grosnyj am 4. Dezember übergeben. Igor Kaljapin ist der Leiter des „Komitees gegen Folter“. Ihm warf Kadyrow vor, „für den Schutz von Banditen und ihrer Verwandten“ einzutreten, die sich für die „Verbrechen ihrer Söhne verantworten mussten“.

          An der Seite von Wladimir Putin

          Der Anschlag vom 4. Dezember war der schwerste in Grosnyj seit langem. Die Angreifer verschanzten sich nächtens in einer Schule und im „Haus der Presse“. Es liegt dem „Erinnerungskomplex zum Ruhme Achmat Abdulchamidowitsch Kadyrows“ schräg gegenüber. Vor dem Kuppelbau ragt ein Obelisk auf. Unter der Kuppel erinnern Fotos, ein Original-Arbeitszimmer und eine Original-Krawatte an den Vater von Ramsan Kadyrow. 1994, zu Beginn des ersten Tschetschenien-Krieges, hatte Achmat Kadyrow noch als Mufti von Tschetschenien zum Dschihad gegen Moskau aufgerufen.

          Später wechselte er die Seiten. Eine Fotowand im „Erinnerungskomplex“ zeigt ihn auf vielen Bildern an der Seite von Präsident Wladimir Putin. Am 9. Mai 2004 wurde Kadyrow im Stadion von Grosnyj in die Luft gesprengt, nachdem er eine Parade zum „Tag des Sieges“ abgenommen hatte. Sein Sohn Ramsan herrscht in Tschetschenien seit 2007 unangefochten. Der Anschlag vom 4. Dezember im Herzen von Grosnyj, bei dem nach offiziellen Angaben 14 Polizisten und elf Angreifer getötet wurden, war also auch ein Angriff auf ihn.

          Kadyrow hatte nach der Attacke geäußert, wenn ein Kämpfer in Tschetschenien einen Menschen töte, werde die Familie des Täters „unverzüglich“ aus Tschetschenien ausgewiesen und ihr Haus „mitsamt dem Fundament“ abgerissen. Der Aufruf machte auch in Russland Furore, denn auch nach russischem Recht ist Sippenhaft illegal. Auch wenn auf Initiative Tschetscheniens der Duma in Moskau mittlerweile ein Gesetzesprojekt vorliegt, das Strafen für Verwandte von Terroristen vorsieht. Kadyrows Worten an die Adresse eines „Menschen mit den Nachnamen Kaljapin“ war vorausgegangen, dass Kaljapin, der Leiter des „Komitees gegen Folter“, die Ermittlungsbehörden aufgerufen hatte, die Äußerung des Republikoberhaupts zu den Verwandten der Terroristen zu prüfen.

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