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Proteste in Istanbul : Der Gezi-Park ist zurück

Istanbul in der Nacht zum Donnerstag: Die Polizei setzt weiter auf Gewalt. Bild: AFP

Der Tod des Demonstranten Elvan war der Funke, der das Protestfeuer der türkischen Jugend wieder angefacht hat. Den gesellschaftlichen Wandel in der Türkei hat Erdogans Lager offensichtlich nicht verstanden.

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          Der Auslöser der neuen Gewalt auf den Straßen Istanbuls war der Tod des 15 Jahre jungen Berkin Elvan. Nachdem er bei den Protesten im vergangenen Sommer von einem Tränengasgeschoss der Istanbuler Polizei getroffen worden war, lag er 269 Tage lang im Koma, bevor er schließlich starb.

          Bei seiner Beerdigung kam es wieder zu Gewalt – zwischen Gegnern der Regierung Erdogan und der Polizei, die sich weiter ausschließlich auf das Zuschlagen versteht und nicht auf Deeskalation, aus der Masse heraus agierten aber auch Provokateure. Wieder sind dabei zwei Personen gestorben.

          Immer wieder hatte es in den vergangenen Monaten Versuche gegeben, die Proteste wiederzubeleben, die sich an Erdogans Bebauungsplänen entzündet hatten, mit denen der unter jungen Leuten beliebte Gezi-Park verschwunden wäre. Sie hatten jedoch keine Massen mehr mobilisiert. Der Tod von Berkin Elvan war nun der Funke, der das Feuer wieder aufflammen ließ. Erdogan hatte im Sommer 2013 noch auf seine Polizei gesetzt, die die Proteste niederschlug. Die Demonstranten wollten gewiss keinen Staatsstreich anzetteln. Sie drückten nur ihren Unmut über die autoritäre Rechthaberei ihres dünnhäutigen Ministerpräsidenten aus.

          Wieder Tränengas und Wasserwerfer für die türkische Jugend; eine andere Antwort scheint die Regierung nicht zu haben. Bilderstrecke

          Heute ist der Gezi-Park zurück – auch weil ein Gericht am Tag von Elvans Tod die Einwände der Gegner des Bauprojekts zurückgewiesen hat. Das Umfeld hat sich für Erdogan in den vergangenen Monaten aber verändert. War er damals noch souveräner Regent, auch wenn die Kritik an ihm zunahm, so muss er sich heute in schweren Gewässern behaupten. Der ungeheuerliche Korruptionsverdacht gegen ihn lässt sich nicht einfach wegwischen, und der Grabenkampf mit den Anhängern des Predigers Fethullah Gülen beschädigt ihn weiter.

          Und es wirkt geradezu grotesk, wenn eine Erdogan nahestehende Zeitung kommentiert, der Tod des Jugendlichen sei nur ein Vorwand, um die Straßen zu terrorisieren. Den gesellschaftlichen Wandel in der Türkei hat Erdogans Lager offensichtlich nicht verstanden.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

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