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Prostitution : Roulette Royal

Mitten im Risiko: Das Rotlichtviertel Royal in Jakarta liegt neben und zwischen Bahngleisen Bild: © Ed Wray 2013

Mawar ist Prostituierte in Indonesien - einem Land, in dem die Zahl der Aids-Kranken sprunghaft steigt. Doch sowohl die Krankheit, als auch Aufklärung und Verhütung sind ein Tabu.

          In Royal ist das Risiko ein Teil des Lebens. Das Rotlichtviertel liegt in einer dunklen Ecke der Megametropole Jakarta, eingepfercht zwischen Häusern und Bahngleisen. Alle zwanzig Minuten schießt ein Zug vorbei. Ein paar Kneipentische stehen zwischen den Gleisen, auf dem Schotter. Wenn ein Zug kommt, rufen die Kneipenbetreiber ihren Gästen eine Warnung zu. Trotzdem landen immer wieder besoffene Bauarbeiter, Lastwagenfahrer oder Matrosen, die auf der Suche nach Vergnügen hierher kamen, unter den Rädern eines Zuges.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          In den Gassen von Royal sind Tische und Bänke von Bierflaschen übersät. Neonröhren hängen über den Kaschemmen, in denen die Mädchen ihre Körper zum Kauf anbieten. Junge Frauen aus Westjava, die der Armut entkommen wollen, halten das Geschäft am Laufen. Ihnen nähert sich das Risiko in den späten Abendstunden, vollgepumpt mit Testosteron, nach endlosen Stunden in der Führerkabine eines Trucks oder der Kajüte eines Lastkahns. Kondome wollen die wenigsten Freier benutzen, und die meisten Mädchen wehren sich nicht groß dagegen. Sie können es sich nicht leisten, einen Kunden zu verlieren.

          Dabei gehört Indonesien zu den wenigen Ländern, in denen die Zahl neuer HIV-Infektionen in den vergangenen Jahren stark gestiegen ist, zwischen 2001 und 2011 um mindestens 25 Prozent. Das ist mehr als in den meisten Ländern Afrikas. Indonesien, das Land mit der größten muslimischen Bevölkerung der Welt, tut sich mit der Aufklärung schwer. Prostitution ist ein Tabu - genau wie Homosexualität oder Transsexualität. Dabei sind Prostituierte besonders gefährdet, sich mit HIV zu infizieren, genau wie Drogenabhängige, Häftlinge, Transsexuelle und Männer, die Sex mit Männern haben. „Risikogruppen“ nennt man sie. Auch Mawar gehört dazu.

          Die meisten wollen kein Kondom

          Mawar ist gläubige Muslimin, aber sie betet nicht fünf Mal am Tag, und während des Ramadan fastet sie nicht. Am Abend schlüpft sie aus einem weiß-lilafarbenen Kleid. Darunter trägt sie ein enges, pinkfarbenes Oberteil und ultraknappe Jeans. Ihr Zimmer liegt in einer Hütte unterhalb der Bahntrasse. Nur dünne Sperrholzwände trennen sie von ihren Nachbarn. Das Dach besteht aus gewelltem Kunststoff. Heiß und stickig ist es in dem Raum, in dem auch ihr aktueller Freund manchmal schläft. Eine dreckige Matratze, ein kleiner Fernseher und ein Ventilator: mehr hat Mawar nicht.

          Die illegal zusammengezimmerten Hütten am Rand der Bahngleise bieten kaum Schutz vor dem Monsun, und die Wege dazwischen sind so schmal, dass man nicht einmal mit einem Moped durchkommt. Aber das kann sich Mawar sowieso nicht leisten. Sie läuft eine schmale Holztreppe hinab, dann durch eine Gasse. Vor einem kleinen „Café“ hält sie an, wo durch ein halb geöffnetes Fenster Snacks und Getränke verkauft werden. Mawar setzt sich auf eine Bank vor den Laden. Dort, von der Dunkelheit umschlossen, wartet sie auf Kunden.

          Manchmal sind es drei in einer Nacht, manchmal kommt gar keiner. Jedem schlage sie vor, ein Kondom zu benutzen, sagt Mawar. Die meisten wollten aber nicht. Für einmal Sex mit Mawar zahlen die Männer 120 000 Rupiah (etwa 9 Euro). 20 000 davon gehen für die Zimmermiete drauf, ein Kondom, das im Preis inbegriffen wäre, würde 5000 Rupiah (ungefähr 40 Cent) kosten. Mawar spart alles, was ihr bleibt, und bringt alle paar Wochen Geld zu ihrer Familie nach Indramayu in Westjava. Dort leben ihre drei Kinder bei den Großeltern, die Reisbauern sind. „Es ist mir egal, was die Leute sagen, ich muss es für meine Kinder tun“, sagt Mawar.

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