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Philippinen : Mit Hilfe der Todesschwadronen

Doch das, was im Wahlkampf wahrgenommen wird, sind nicht die Details der Lokalpolitik. Es ist vielmehr das kontroverse Auftreten des Kandidaten. Gerne kokettiert Duterte mit Anzüglichkeiten und lässt sich mit jungen Frauen fotografieren, die auf seinem Schoß sitzen. Kürzlich sorgte er für internationale Schlagzeilen, als er über das Opfer einer Gruppenvergewaltigung – es handelte sich um eine Australierin – sagte, diese sei so hübsch gewesen, dass er als Bürgermeister gern „als Erster dran“ gewesen wäre.

Die Fehlbarkeit solcher Äußerungen ist offenkundig, doch scheint es in den Philippinen eine Sehnsucht nach einem „starken Mann“ zu geben, der aufräumt. Insofern ist der Vergleich Dutertes mit dem amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump, den manche nun ziehen, wohl nicht ganz falsch. Viele Einwohner der Philippinen haben das Gefühl, dass die positive wirtschaftliche Entwicklung während der Aquino-Präsidentschaft ihnen nicht ausreichend zugutegekommen ist. Weiterhin herrscht ein quasifeudales System, in dem die 40 reichsten Familien drei Viertel des Vermögenszuwachses für sich behalten. Die Politik wird von Dynastien bestimmt, wie etwa den Familien Marcos, Aquino und eben auch Dutertes, dessen Kinder ebenfalls Ämter in der Verwaltung Davaos innehaben.

Die Furcht vor mehr Blut

Ein Viertel der Einwohner der Philippinen lebt weiter in Armut. Auch in der Vorzeigestadt Davao gibt es slumartige Wohngebiete. Dort rauscht stinkendes Abwasser durch die Kanäle. Die Menschen hausen in engen Bretterbuden. In einer solchen Nachbarschaft wohnt auch die 57 Jahre alte Norma Bualan. Die Frau, die davon lebt, dass sie für ihre Nachbarn Kleidung wäscht, gehört zu den wenigen in Davao, die schlecht auf den Bürgermeister zu sprechen sind. Sie macht den Präsidentschaftskandidaten indirekt für den Tod ihres Sohnes verantwortlich.

Dieser habe die typischen „falschen Freunde“ gehabt, junge Männer, die Diebstähle begangen hätten, berichtet die Frau. Dadurch sei er auf einer Liste der Todesschwadronen gelandet. Der damals 21 Jahre alte Mann sei im Jahr 2011 von Unbekannten erstochen worden. Es habe weder eine polizeiliche Untersuchung noch ein Gerichtsverfahren, noch die Möglichkeit zur Verteidigung gegeben. „Ich fürchte, dass noch mehr Blut fließen wird, wenn er Präsident wird“, sagt sie.

Die Mörder zu ihren Bluttaten angestachelt

Dabei weiß niemand so recht, wer die Todesschwadronen eigentlich sind, die von der lokalen Presse „Davao Death Squads“ (DDS) genannt werden. Zumindest teilweise dürften sie aus der New People’s Army rekrutiert sein, die als bewaffneter Arm der philippinischen Kommunisten gilt. Auch zu ihr soll Duterte Verbindungen haben. Während seiner Amtszeit wurde das blutige Vorgehen für lange Zeit jedenfalls zumindest toleriert. Viele Einwohner in Davao haben allerdings kein Mitleid mit den Opfern. Es handele sich schließlich um Kriminelle. „Das sind Vergewaltiger!“, sagt ein Anwohner.

Für die Angehörigen der Getöteten stellt sich die Sache anders dar. So wie im Falle von Norma Bualans Schwester Clarita Lia, die insgesamt vier ihrer Söhne verloren hatte. Alle vier wurden erstochen, berichtet die 62 Jahre alte Frau. Sie seien nach einer Auseinandersetzung mit einem Polizisten ins Visier der selbsternannten Verbrecherjäger geraten. Sie waren keine Unschuldslämmer, hatten mit Drogen und kleineren Diebstählen zu tun gehabt, berichtet die Mutter. Aber den Tod hätten sie nicht verdient. Mit seinen markigen Reden habe Duterte als Bürgermeister die Mörder zu ihren Taten angestachelt. „Er ist ein Dämon“, sagt die Frau.

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