https://www.faz.net/-gq5-7nil4

Parlamentsbesetzung in Taiwan : „Die Regierung bricht das Gesetz, nicht wir“

Entschlossen: Studenten vor ihren Barrikaden im Parlament Bild: AP

In Taiwans Hauptstadt halten Hunderte Studenten das Parlamentsgebäude besetzt. Sie werfen Taipeh vor, widerrechtlich ein Abkommen mit China schließen zu wollen. FAZ.NET sprach mit den Besetzern.

          2 Min.

          Seit Dienstagabend halten Hunderte Studenten das Parlamentsgebäude in der taiwanischen Hauptstadt Taipeh besetzt. Sie werfen der Regierungspartei Kuomintang vor, ein umstrittenes Dienstleistungsabkommen mit der Volksrepublik China ohne die nötige parlamentarische und öffentliche Diskussion durch die Instanzen peitschen zu wollen. FAZ.NET hat mit zweien der Besetzer telefoniert. Die Soziologie-Studentin Lin Yu-hsuan ist 20 Jahre alt, der Jurastudent Yang Chewei 25 Jahre. Beide stammen aus Taichung südwestlich von Taipeh und studieren an der National Chengchi Universität in der Hauptstadt.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Frau Lin, Sie wirken gehetzt.

          Lin Yu-hsuan: Ich habe gerade ein paar Kommilitonen aus dem Parlament heraus auf die Straße begleitet. Die hatten drinnen zu viel Angst, da wollte ich helfen.

          Was befürchten Sie?

          Lin Yu-hsuan: Dass die Polizei zurückkommt. Für viele von uns ist es das erste Mal, dass wir Sicherheitskräften gegenüberstehen. Gestern Nacht haben sie zweimal versucht, das Gebäude zu räumen. Vermutlich probieren sie es in der Dunkelheit noch einmal.

          Wie bereiten Sie sich darauf vor?

          Lin Yu-hsuan: Der Plenarsaal, wo wir uns verschanzt haben, hat acht Türen. Die haben wir mit Stühlen verbarrikadiert. Außerhalb halten wir uns an den Händen und bilden Menschenketten, um uns der Polizei entgegenzustellen.

          Wie ist die Stimmung?

          Lin Yu-hsuan: Die Lage war bisher recht ruhig, aber die Nervosität nimmt zu, auch weil wir alle sehr müde sind. Die meisten haben seit mehr als 30 Stunden nicht geschlafen. Zwischenzeitlich ist der Strom ausgefallen. Am Anfang traute sich niemand, den Saal zu verlassen, um aufs Klo zu gehen, da mussten wir improvisieren. Jetzt benutzen wir die Toiletten der Abgeordneten, aber duschen oder richtig waschen kann sich niemand. All das zerrt an den Nerven.

          Wie sieht es mit der Versorgung aus?

          Lin Yu-hsuan: Sehr gut. Wildfremde Menschen bringen uns Nahrungsmittel und Getränke, der Rückhalt in der Bevölkerung ist hoch. Die Polizei lässt die Lieferungen durch, einiges muss aber über Leitern in den ersten Stock geschleppt werden. Dabei sind ein paar Fensterscheiben zu Bruch gegangen. Einige Leute haben sogar Sauerstoffflaschen geschickt, obwohl wir die nicht brauchen.

          Wie vertreiben Sie sich die Zeit?

          Lin Yu-hsuan: Es wird irre viel diskutiert. Jeder, der will, kann sich zu Wort melden. Weil die Plenaranlage nicht funktioniert, haben wir eigene Mikrophone installiert. Manchmal wird gesungen, am liebsten die taiwanische Version von „Do you hear the people sing?“ aus dem Musical „Les Misérables“. Außerdem sind alle ständig online, schicken Fotos, Filme, Nachrichten nach draußen. Ich selbst habe auch über Facebook von der Aktion erfahren und bin dann gleich hergekommen.

          Sind Ihre Angehörigen draußen nicht besorgt?

          Lin Yu-hsuan: Und wie! Kurz vor Ihnen hat mich meine Mutter angerufen, schon zum x-ten Mal heute. Sie hält das für viel zu gefährlich, was wir hier machen, und hat Angst, dass ich Ärger bekomme.

          Herr Yang, Sie haben den ersten Abschluss in Jura schon hinter sich. Ist die Besetzung nicht illegal?

          Yang Chewei: Die Regierung bricht das Gesetz, nicht wir. Sie will das Dienstleistungsabkommen mit China durchs Parlament prügeln, ohne dass das vorgeschriebene Verfahren eingehalten wird. Es fehlt die ausreichende Transparenz und auch die Beteiligung der zuständigen Stellen und der Öffentlichkeit. Wir hingegen verteidigen Demokratie und Rechtsstaat. Das bleibt alles im gesetzlichen Rahmen.

          Die Opposition von der Demokratisch Progressiven Partei will die Parlamentssitzungen so lange boykottieren, bis die Regierungspartei die Vorlage zurücknimmt. Sind Sie deren verlängerter Arm?

          Yang Chewei: Nein, wir lassen uns von keiner Seite vereinnahmen. Wir sind weder für noch gegen das Handelsabkommen mit China, es muss aber auf legale Weise zustandekommen. Staatspräsident Ma Ying-jeou sollte sich beim Volk dafür entschuldigen, wie rücksichtslos seine Partei da voranprescht.

          Und falls nicht?

          Eigentlich wollten wir nur bis Freitag hier aushalten. Aber wir machen notfalls weiter, wenn sich bis dahin nichts tut. Ich fürchte, die Auseinandersetzung könnte rauher werden. Das schreckt uns aber nicht. Ein gewisses Maß an physischer Konfrontation ist Zeichen eines entschlossenen Willens.

          Weitere Themen

          Neue Gewaltwelle in Hongkong

          Proteste gegen Regierung : Neue Gewaltwelle in Hongkong

          Bei den Anti-Regierungs-Protesten in Hongkong eskaliert abermals die Gewalt. Für zusätzliche Unruhe sorgt ein Auftritt chinesischer Soldaten auf den Straßen – zum ersten Mal seit Beginn der Proteste im Juni.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.