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Pakistan : Angriff auf die ökonomische Herzkammer

Pakistanische Sicherheitskräfte tragen einen getöteten Kameraden zu Grabe Bild: dpa

Viele Dutzend Menschen töten die Taliban bei ihrem Überfall in Karachi. Stundenlang bleibt der meistfrequentierte Flughafen Pakistans gesperrt. Nun wächst der Druck auf die Regierung, eine Bodenoffensive zu beginnen.

          Mit dem symbolträchtigen Angriff auf den Flughafen von Karachi haben die Taliban in der Nacht zu Montag demonstriert, dass sie Pakistan mitten in sein wirtschaftliches Herz treffen können. 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts werden in der 23-Millionen-Einwohner-Metropole erwirtschaftet. Bis Montagnachmittag blieb der meistfrequentierte Flughafen des Landes gesperrt. Es war zudem der ambitionierteste Angriff der Islamisten seit dem Sturm auf die Luftwaffenbasis von Karachi vor drei Jahren. Zehn offenbar gut ausgebildete Angreifer in Armeeuniformen, bewaffnet mit Raketenwerfern und Sturmgewehren, sollen daran beteiligt gewesen sein.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Sie lieferten sich fünf Stunden lang Gefechte mit pakistanischen Soldaten, Paramilitärs und Polizisten. Dabei gingen sie koordiniert vor und griffen den Flughafen von zwei Seiten an, wobei sie nicht bis zum Passagierterminal vordringen konnten, wo Hunderte verängstigter Fluggäste ausharrten. Unter den Angreifern waren mindestens drei Selbstmordattentäter, die Sprengstoffgürtel zündeten; sieben weitere wurden von Sicherheitskräften erschossen. In ihren Rucksäcken fanden die Behörden große Mengen Wasser und Trockenfrüchten, die darauf hindeuten, dass sich die Täter auf eine längere Belagerung eingestellt hatten. Nach Darstellung der Regierung hatten die Täter geplant, alle Flugzeuge auf dem Rollfeld zu zerstören. Aus dem Geheimdienst verlautete zudem, es habe offenbar den Plan gegeben, ein Flugzeug zu entführen.

          Die seit Februar dahinplätschernden Friedensgespräche zwischen der Regierung von Ministerpräsident Nawaz Sharif und den pakistanischen Taliban (TTP) erlitten damit ihren bislang schwersten Rückschlag. Das pakistanische Militär, das die Verhandlungsbemühungen der Regierung mit Argwohn verfolgt, hatte in den vergangenen zwei Wochen Luftangriffe auf Stellungen der Taliban in Nordwasiristan geflogen und nach eigenen Angaben Dutzende Kämpfer und „wichtige Kommandeure“ getötet. Ein Sprecher der TTP bezeichnete den Angriff von Karachi am Montag als Vergeltung für die Luftangriffe. „Pakistan hat die Friedensgespräche als Kriegswaffe benutzt und Hunderte unschuldige Frauen und Kinder getötet“, sagte ein Sprecher. „Dies war nur ein Vorgeschmack darauf, wozu wir fähig sind.“ Außerdem sprach er von Rache für den früheren Talibanführer Hakimullah Mehsud, der im November 2013 bei einem amerikanischen Drohnenangriff getötet worden war. Rivalitäten um Mehsuds Nachfolge und unterschiedliche Positionen über eine Beteiligung an Friedensgesprächen hatten vor kurzem zur Abspaltung einer der wichtigsten TTP-Fraktionen von der Terrorgruppe geführt.

          Nicht gezündet: Behörden präsentieren Waffen der Angreifer am Flughafen.

          Der Angriff von Karachi könnte in der Bevölkerung die Zustimmung zu einer Bodenoffensive in Nordwasiristan, dem Stammland der Taliban, wachsen lassen, vor der die Regierung bislang zurückgeschreckt war – auch aus Furcht vor Racheakten der Islamisten in städtischen Zentren wie jetzt in Karachi. Die amerikanische Regierung fordert seit Jahren eine solche Militäroperation, und auch das pakistanische Militär dringt inzwischen darauf. Doch Sharif gab zunächst einer Verhandlungslösung den Vorzug, deren Erfolgsaussichten allerdings von vornherein als gering eingeschätzt wurden. Eine Bodenoffensive, die mit Tausenden Flüchtlingen einhergehen würde, ist für den Ministerpräsidenten riskant, weil ihm einer der profiliertesten Kritiker eines solchen Vorgehens, der ehemalige Kricketstar und Parteichef der Pakistan Tehrik-e-Insaf (PTI) Imran Khan, politisch gefährlich werden kann.

          Zu wilden Spekulationen in den sozialen Netzwerken führten derweil Berichte pakistanischer Medien, wonach bei den Angreifern von Karachi indische Waffen gefunden worden seien. Die Regierung in Delhi verurteilte den Angriff scharf und wies entsprechende Anschuldigungen als „substanzlos“ zurück.

          Die Taliban konnten ihren Einfluss in Karachi in den vergangenen Jahren stark ausbauen. Grund dafür ist der Zustrom von Millionen von Paschtunen aus den Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan, die ab 2009 unter anderem vor den Militäroperationen im Swat-Tal und Südwasiristan geflohen waren. Vor wenigen Jahren noch eine Minderheit, könnte der Anteil der Paschtunen Schätzungen zufolge in den kommenden zehn Jahren auf ein Drittel der Bewohner Karachis steigen. Das führt schon jetzt zu gewaltsamen Verteilungskämpfen um lukrative Wirtschaftszweige und knappe Ressourcen zwischen den drei bevölkerungsreichsten Gruppen in der Stadt. Allen voran mit den einflussreichen Urdu-sprachigen Mohajir,, die nach der Teilung Indiens 1947 nach Pakistan geflohen waren. Karachi gehört mit einer Mordrate von 12,3 auf 100.000 Einwohner im Jahr zu den gefährlichsten Städten der Welt. Die Stadt ist zudem berüchtigt für Netze extremistischer Koranschulen, in denen viele Taliban-Kämpfer ausgebildet werden und die militanten Gruppen die ideologische Grundlage für ihren „heiligen Krieg“ liefern.

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